Filmabend: Revolution und Krieg in Spanien 1936 – 1939

In Zusammenarbeit mit der antifaschistischen videofilmreihe zeigen wir am kommenden Freitag den 24. Juli 2026 im Café Mano Negra, Alte Münze 12, Osnabrück ab 17 Uhr zwei Filme zur Revolution und zum Krieg in Spanien (1936-1939).

Ein Volk in Waffen – Un pueblo en armas Dokumentarfilm. Spanien. Sindicato de la industria del espectáculo, 1937; Bearbeitung: Medienwerkstatt Nürnberg, 1986. 47 Min., s/w.

Land and Freedom Spielfilm. England / Deutschland / Italien / Spanien 1995, 109 Min. Regie: Ken Loach.

Im Februar 1936 erreicht El Frente Popular, ein von den anarchistischen Gewerkschaften und Organisatio­nen toleriertes Bündnis aus linken und bürgerlich-demokratischen Kräften, bei den Wahlen in der seit 1931 bestehenden spanischen Republik die Mehrheit. Die Republik hat Reformen ermöglicht, jedoch keine andere Gesellschaftsform. Und auch die Konservati­ven, die Kirche, Royalisten und die faschistischen Organisationen mobilisieren gegen die Reformen der Republik, die ihnen zu weit gehen. Am 17. Juli 1936 putschen Teile des spanischen Militärs zunächst in der nordafrikanischen Kolonie Marokko, in der Folge auf dem spanischen Festland. Der Umsturz wird von monarchistischen Vereinigungen und faschistischen Parteien unterstützt. Er scheitert jedoch in vielen Orten und Provinzen am Widerstand von Anarchist*innen, Sozialist*innen, anderen Linken und Republikaner*­innen. Die Bevölkerung, die nicht bereit ist, die bis dahin erkämpften sozialen Reformen
widerstandslos aufzugeben, geht auf die Straße, baut Barrikaden und stürmt die Kasernen, um die Republik zu verteidigen und ihre Vorstellungen einer herrschaftsfreien Gesell­schaft in die Praxis umzusetzen. In den Bürgerkrieg mischen sich weitere Interventen ein, darunter Nazi-Deutschland und das faschistische Italien wie auch die portugiesische Salazar-Diktatur und internationalisieren den Bürgerkrieg. Der Kampf gegen den Putsch wird mit Kollektivierungen für die soziale Revolution verknüpft. Im April 1939 endet der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Putschisten, es folgt eine bis 1975 andauernde Diktatur in Spanien. Bis heute werden die republikanischen Opfer des Bürgerkriegs und der folgenden Terrorherrschaft von konservativen und faschistischen Parteien verschwiegen und verleumdet. Die Erinnerung an die damaligen Ereignisse gilt einerseits dem antifaschistischen Widerstand gegen die rechten Putschisten. Sie bezieht sich auf die soziale Revolution, die sich zwar oft aus der Abwehr des Putsches entwickelte, aber auch gegen Kapital, Großgrundbesitz und Kirche wandte. Sie umfasste städtisch-industrielle Bereiche, den Dienstleistungssektor, die kulturelle Produktion und die Landwirtschaft. Getragen wurde sie von Anarchist*innen, Sozialist*innen und Gewerkschafter*innen sowie revolutionären Marxist*innen.

Häufig wird sie als „die letzte Revolution in Europa“ betrachtet. Gemeint sein könnte auch „die bislang letzte“. Die soziale Revolution in Spanien war eine weitreichende Manifestation anarchistischer Vorstellungen. Beide, Antifaschist*innen und Sozialrevolutionär*innen, haben für die Freiheit gekämpft, aber nicht dasselbe darunter verstanden. Dies führte zu zahlreichen Kämpfen innerhalb des Bündnisses, das auch deshalb zerbrach. An Spanien erinnern heißt also auch, an Fehler zu erinnern, an die Notwendigkeit von Dissens, der riskant werden kann, wie auch an uneingelöste Versprechen, an weiterhin offene Fragen und gegenwärtige menschenfeindliche Zustände.

Zu den Filmen

Ein Volk in Waffen – Un pueblo en armas

Die soziale Revolution im spanischen Bürgerkrieg steht meist im Schatten des Kampfes gegen den inter­nationalen Faschismus. Weniger bekannt ist ihre Pro­duktivität. Nachdem die vorwiegend in der anarchis­tisch­en Gewerkschaft CNT-FAI organisierten Arbeiter*­in­nen das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschafften, wurden allein in Madrid und Barcelona zwischen Juli 1936 und Mai 1937 über 80 vorwiegend dokumentarische Filme hergestellt. Der blutige Mai 1937 beendete diese Phase, als die stalinistische Repression in den Straßen tobte und – neben vielen anderen Errungenschaften der sozialen Revolution – auch die Selbstverwaltung der Betriebe durch die Arbeiter*nnen wieder zurückgenommen wurde.

Die CNT setzte die Filmproduktion zwar bis zum Sieg der Franco-Diktatur im April 1939 fort, konnte diesen medialen Aufbruch jedoch nicht fortführen. Die bis dahin entstandenen Filmaufnahmen, die hier kompiliert sind, sind auch in vielen anderen Filmdokumentationen verwendet worden. Un pueblo en armas erschien zuerst 1937 in den USA unter dem Titel Fury over Spain. Kopien la­ger­ten über 30 Jahre in Paris und wurden 1971, als sich das Ende der Franco-Diktatur ab­zeichnete, in Italien im 16mm-Format kopiert.

Un pueblo en armas unterscheidet sich von vielen Filmproduktionen, wie etwa The Will of a People (USA 1939), indem hier weniger die Details des Krieges als die soziale Revolution im Vordergrund steht. Er ist damit auch eine dokumentarische Ergänzung zu Ken Loachs Spielfilm Land and Freedom.


Land and Freedom

Rückblickend wird die Geschichte des jungen englischen Kommunisten David erzählt, der sich 1936 dazu entschließt, nach Spanien zu reisen, um dort gegen die Faschisten zu kämpfen. Er lässt alles hinter sich und macht sich auf in den spanischen Bürgerkrieg. In Katalonien trifft er auf die marxistische Arbeiterpartei POUM. Indessen kommt es unter den linken Organisationen immer wieder zu Positions­kämpfen und Rivalitäten. Um seinen Idealismus wiederzufinden, kehrt David der Partei den Rücken zu und schließt sich der Internationalen Brigade an.

„Sogar die Spanier haben bis heute verdrängt, dass es diese letztlich gescheiterten Versuche der Kollektivierung gegeben hat. Deshalb ist es mir sehr wichtig, an die historischen Fakten zu erinnern.“ Ken Loach zu seinem Film Land and Freedom.

„Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hacken zusammen­schlagen und Grüßen. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell einer klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hatte.“ George Orwell in seinem zeitgenössischen Bericht Mein Katalonien

Vor 90 Jahren – 19. Juli 1936: Osnabrück, der Bürgerkrieg und die Soziale Revolution in Spanien – Ein Rückblick

Der Widerstand gegen den deutschen Faschismus von Osnabrücker*innen in der Emigration ist bisher nur gering beachtet worden. Dies zeigt sich besonders an einzelnen Abschnitten dieses Kampfes. So spielt der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) und die untrennbar mit ihm verbundene Soziale Revolution dabei keine Rolle. Dagegen haben wir die Biografie des in Osnabrück geborenen kommunistischen Antifaschisten Heinrich Bogula (1903–1976), der unter anderem in den Internationalen Brigaden kämpfte, in ersten groben Zügen nachgezeichnet. Bei unseren Nachforschungen sind wir auf weitere Antifaschistinnen und Antifaschisten aufmerksam geworden, die sowohl außerhalb wie auch in Osnabrück widerständig aktiv und am Spanienkrieg beteiligt waren. Ihre bisher verstreuten Spuren stellen wir in Porträts vor, weitere lokale wie regionale Bezüge werden wir rekonstruieren.

Georg Schwegmann (1912– ?)

Ebenfalls im Spanienkrieg engagiert war Georg Schwegmann, der im nördlichen Osnabrücker Land bei Venne/Vorwalde geboren wird, wie verschiedene Dokumente belegen. Vor der Machtübergabe an die Nazis ist er in der Freie Arbeiter-Union-Deutschland, Anarcho-Syndikalisten (FAUD) in Aachen organisiert. Die FAUD ist ein gewerkschaftlicher Zusammenschluss, auf freiheitlich-sozialistischer Grundlage, der sich auch als sozio-kulturelle Bewegung versteht. Nach ihrem Selbstverständnis lehnt sie hierarchisch organisierte Parteien ab, sie zieht statt einer avantgardistischen Partei eine Vertretung durch gewählte Delegierte vor. Ihre Kampfmittel sind bevorzugt die ‚direkte Aktion‘, der Massenstreik und der politische Generalstreik, durch den sie die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wie auch den Militarismus abschaffen wollen.

Schwegmann wird 1935 wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ von der Gestapo inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus der Haft lernt er an einer Handelsschule Kastilianisch, die spanische Sprache. Anfang 1937 flüchtet der 25jährige über Paris und Perpignan nach Barcelona. Dort findet er Kontakt zur mit über einer Million Mitgliedern größten spanischen Gewerkschaft, der anarchosyndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und arbeitet in einer, nach der Zurückschlagung des Putsches, kollektivierten Lederfabrik. Als anarchistischer Antimilitarist lehnt er eine Beteiligung an den Militäroperationen gegen den franquistischen Militärputsch und den Eintritt in die Milizen ab. Politisch organisiert ist er in der Gruppe der Deutschen Anarchosyndikalisten im Ausland (DAS).

Stichwort: Deutsche Anarchosyndikalisten im Ausland (DAS)

Die DAS wurde bereits 1934 in Amsterdam als anarchistische Exilorganisation gegründet, aber erst im Bürgerkrieg in Spanien erlangte sie politisch Einfluss. Nach den bewaffneten Kämpfen zwischen stalinistischen Kommunisten gegen Linkskommunisten und Anarchosyndikalisten – den sogenannten Maitagen 1937 in Barcelona und Katalonien – fanden ihre Aktivitäten einen Monat später ein jähes Ende.

DAS-Mitglieder beteiligten sich direkt mit dem Beginn der Kämpfe gegen die Putschisten seit Mitte Juli 1936 am bewaffneten Aufstand gegen das Militär und seine klerikal-faschistischen Unterstützer*innen. Der Deutsche Club in der katalanischen Hauptstadt, der sich in der Calle Caspe-Lauria befand und unter Nazi-Kontrolle stand, wurde, wie die Militärkasernen, gestürmt und diente der DAS als Quartier und Versammlungsort. Dort konnten auch die Mitgliederkartei und zahlreiche Dokumente der NSDAP-Auslandsorganisation (NSDAP-AO), eine weltweit agierende Parteiorganisation der Nazi-Einflussnahme und Spionage, beschlagnahmt werden.

Kurze Zeit später wurde dem DAS vom Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen, dessen politische Entscheidungsgremien von der CNT-FAI besetzt waren, die Kontrolle über alle deutschsprachigen Ausländer*innen übertragen. Sie umfasste die Grenz-, Post-, Hafen- und Eisenbahnkontrolle zur Identifizierung von deutschen Nazi-Unterstützer*innen. Maßgeblich beteiligt war die DAS an dem partei- und organisationsübergreifenden Internationalen Komitee der antifaschistischen Emigranten (CIDEA), das Produktionskollektive, die auch Ausrüstungen der Milizen herstellte, ein Kollektiv-Restaurant und -Buchhandlung aufbaute, Kultur- und Filmvorführungen organisierte.

Gleichzeitig betreute die DAS die ca. 200 deutschsprachigen Freiwilligen in der internationalen Miliz der Columna Durruti und gab deren Informationsdienst, die Zeitschrift Die Soziale Revolution, heraus. Sie war für den wöchentlich erscheinenden deutschsprachigen Informationsdienst der CNT/FAI und für deutschsprachige Beiträge in einem Kurzwellensender verantwortlich, der europaweit empfangen werde konnte.

Im wiedereröffneten Asy-Verlag, der bis 1933 von der FAUD in Berlin betrieben worden war, wurden Broschüren und im Juni 1937 von einem DAS-Kollektiv in deutscher und spanischer Sprache das Schwarz-Rot-Buch. Dokumente über den Hitlerfaschismus publiziert, in dem die Einflussnahme der Nationalsozialisten in Barcelona rekonstruiert und erbeutete Dokumente dokumentiert wurden.

In dem Buch wurde eine Bild-Montage abgedruckt, die auch als Poster plakatiert wurde.

„Symbolisch wollten wir die faschistische Gefahr durch ein Bild verdeutlichen, welches wir in das Buch einarbeiteten. Vor uns lagen neueste Bilder von ermordeten Madrider Kindern, die durch deutsche Bombenflugzeuge viehisch umgebracht worden waren. Ich fand ein Bild mit einem lachenden und strahlenden Mädchen aus der Nestle-Schokoladen-Reklame. Diese beiden Bilder stellten wir auf einer französisch-spanischen Landkarte gegenüber. Dazwischen montierten wir Hitler mit befehlender Geste, der eine Staffel Bombenflugzeuge von Spanien nach Frankreich dirigiert. Über das Ganze schrieben wir: ‚Heute Spanien – morgen die ganze Welt!‘“

Paul Helberg (1905–1989), in der DAS organisiert, in einem Rückblick.


Der in Barcelona politisch einflussreichen DAS gehörten ca. 45 Mitglieder und weitere Unterstützer*innen an. Ihre Resonanz über die katalanische Hauptstadt hinaus blieb jedoch wegen zu geringer Beteiligung und eingeschränkter finanzieller Mittel, wie auch ihrem geringfügigen Einfluss auf politische Entscheidungen der CNT-FAI und interner Differenzen über die Strategie und die Zielsetzungen der Revolution, begrenzt. Zudem befand sie sich zunehmend im Visier der kommunistischen Repression, die sich nach den direkten Kämpfen im Mai 1937 zu spitzte. Fast alle DAS-Mitglieder werden in staatlichen wie auch kommunistischen Parteigefängnissen inhaftiert, einige bleiben bis Ende 1938 in Haft. Bereits zuvor stand die DAS in politischer Konkurrenz zur KPD wie auch zu spanischen kommunistischen Parteien, die eingeschränkt und unter Aufgabe ihrer Eigenständigkeit von der Sowjetunion unterstützt und von deren Geheimdiensten überwacht und bekämpft wurden.

„Was in Spanien an sozialen Neuerungen geschaffen wurde, kam von unten, wird von den wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiter getragen und geleitet. Dem Staat blieb nichts anderes übrig, als die geschaffenen Tatsachen zu sanktionieren.“

Die Gruppe DAS in ihrer Veröffentlichung Revolution und Gegenrevolution. Die Ereignisse des Mai 1937 in Katalonien, erschienen im Asy-Verlag, Barcelona Juni 1937.


Im Juni 1937 wird Schwegmann vom republikanischen Geheimdienst, nach den inner-republikanischen Kämpfen zwischen stalinistischen Kommunist*innen, die den Einfluss der anarchistischen und links-kommunistischen Organisationen bekämpften, festgenommen, wie eine Häftlingsliste des katalanischen Zivilgouverneurs vermerkt. Im August wird er nach Frankreich abgeschoben, später lebt er im Exil in Amsterdam. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Niederlande verhaften die Okkupanten ihn im Oktober 1940 in Amsterdam. Es folgt seine Deportation in ein Konzentrationslager. Durch die Intervention seines Bruders, einem Offizier in der deutschen Wehrmacht, kann er jedoch seine Entlassung erreichen. Im August 1941 wird er als Funker in eine Luftnachrichten-Einheit zum Kriegsdienst eingezogen. Er gerät in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er Anfang September 1945 entlassen wird.


Nach der Befreiung lebt er in Osnabrück, er tritt in die SPD ein und ist bis zu seiner Abwahl 1950 Geschäftsführer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Zudem gehört er dem Kreissonderhilfsausschuss Osnabrück-Stadt an, der über Hilfsanträge von politischen Gefangenen der Nazi-Herrschaft und deren Angehörige entscheidet. Dort begegnen sich Heinrich Bogula und Schwegmann, wie einem Ablehnungsbescheid des Ausschusses zu entnehmen ist, in dem Bogula die beantragte Zuweisung einer Wohnung und weitere Wiedergutmachungen versagt werden.

Quellen und Literatur

Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Oldenburg

Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Osnabrück

Abel, Werner, u.a.: „Sie werden nicht durchkommen“ Bilder & Materialien. Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution. 2. Bde. Lich: Edition AV, 2016.

Nelles, Dieter: „Deutsche AnarchosyndikalistInnen im Spanischen Bürgerkrieg“. In: Graswurzelrevolution, Nr. 510, Sommer 2026, S. 12–13.

Nelles, Dieter: „‚Die Fremdenlegion der Revolution‘ – Deutsche AnarchosyndikalistInnen und Freiwillige in anarchistischen Milizen im spanischen Bürgerkrieg“. In: Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona (1933-1939). Die Gruppe „Deutsche Anarchosyndikalisten“ (DAS), Dieter Nelles u. a. (Hg.). Heidelberg: Graswurzelrevolution, 2013, S. 79–182. Ursprünglich erschienen bei Editorial Sintra, Barcelona 2010.

Widerstand und jüdisches Leben (1940–1945) in Osnabrück-Eversburg – eine verwehrte Erinnerung

Ein Besuch in der Baracke 35 des Offizierslagers OFLAG VI-C

Am Tag des offenen Denkmals zog es uns ins Landwehrviertel. Wir besuchten den Verein für den Erhalt der Baracke 35, die sich am Rande des Neubau-Areals an der Landwehrstraße befindet. Dort steht die letzte erhaltene Baracke des OFLAG VI-C. Über seine Geschichte informieren eine umfangreiche Ausstellung und einzelne Dokumente. Zwei Vertreterinnen des Vorstands erklärten uns die Geschichte ihrer Arbeit und Ziele.

Die Flachbaracke war Teil eines kontinuierlich ausgeweiteten Gefangenenareals, das bis zu 60 Baracken umfasste. In dem zentralen Gefangenenlager wurden unterschiedliche Häftlingsgruppen interniert. Dort befanden sich überwiegend Kriegsgefangene, etwa ca. 6.000 Offiziere der jugoslawischen Armee, anfänglich auch ca. 700 französische Kriegsgefangene, später auch Zwangsarbeiter, die Arbeitsorte verlassen hatten und politische Gefangene.

Nach Kriegsende diente das Lager als Sammelunterkunft für Displaced Persons, bevor es ab 1950 bis 2008 von der Britischen Armee genutzt wurde. Mittlerweile wird das Areal als Landwehr-Neubauviertel von verschiedenen Immoblienfirmen unter Beteiligung der Stadtwerke Osnabrück vermarktet.

Krieg gegen Jugoslawien

Das Königreich Jugoslawien zog Ende März 1941 seinen Beitritt zum Dreimächtepakt mit den faschistischen Bündnisstaaten Deutschland, Italien und Japan zurück. Die deutsche Wehrmacht griff daraufhin Anfang April 1941 Jugoslawien ohne Kriegserklärung an. Zur Brechung des Widerstands flog die deutsche Luftwaffe verheerende Luftangriffe auf zahlreiche jugoslawische Städte, darunter die Hauptstadt Belgrad, die zwischen dem 6. und 7. April 1941 systematisch zerstört wurde. Nach der Kapitulation Mitte April 1941 wurde das Land von der deutschen Wehrmacht besetzt und nach ethnischer Zugehörigkeit in einzelne kollaborierende Volksteile aufgeteilt. Nazi-Deutschland erkannte den neuen unabhängigen Staat Kroatien, der mit dem Deutschen Reich kollaborierte, diplomatisch an. Die meisten slowenischen, bosniakischen, kroatischen, ungarischen, deutschen (donauschwäbischen) und mazedonischen Soldaten, etwa die Hälfte der jugoslawischen Armee, wurde freigelassen.

Nach Osnabrück

Über 6.000 serbische und montenegrinische Offiziere und ca. 330.000 Unteroffiziere und Mannschaften wurden nach Nazi-Deutschland verschleppt. 10.000 von ihnen wurden in dem Offiziersgefangenenlager XIII B in Nürnberg-Langwasser konzentriert. Nachdem dieses Lager überfüllt war und die antifaschistischen Gefangenen sich weigerten eine Loyalitätserklärung zu unterzeichnen, werden sie separiert und in den ehemaligen Kasernenbaracken in Osnabrück inhaftiert. Das Lager wird beständig erweitert bis 1943 entsteht dort das zweitgrößte Offizierslager innerhalb Nazi-Deutschlands.

Das Kriegsgefangenenlager war nach außen durch Stacheldraht und Wachtürme streng abgeschirmt. Die Gefangenen dürften nicht arbeiten, jeglicher Kontakt zur Außenwelt wird durch die Wachmannschaften mit Waffengewalt unterbunden. Die Lebensverhältnisse waren primitiv und die Verpflegung auf ein Minimum beschränkt.

Der Lagerkosmos

Nicht nur die nationale Zusammensetzung des Lagers war sehr heterogen. Auf engstem Raum lebten Gefangene aus unterschiedlichen Regionen, mit unterschiedlichen politischen und religiösen Orientierungen, die sich teilweise feindlich gegenüber standen.

  • Die Anhänger der königlichen jugoslawischen Exilregierung in London
  • Unterstützer der jugoslawischen Kollaborationsregierung Nedić, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unterstützten. Sie hofften auf vorzeitige Entlassung und wurden von der deutschen Lagerleitung bevorzugt
  • antifaschistische und kommunistische Gefangene, die den jugoslawischen Partisan*innenkampf befürworteten und unterstützen, ihr Einfluss in der Lagergesellschaft nahm mit Kriegsverlauf zu
  • sowie die jüdischen Gefangenen, die von einer Entlassung ausgenommen waren und gemeinsam mit den kommunistischen Offizieren in einem gesonderten Barackenbereich innerhalb des Lagers isoliert wurden. Sie waren antisemitischen Angriffen sowohl von den Bewachern wie auch von Mitgefangenen ausgesetzt.

Selbstorganisation und Selbstbehauptung

Ein wesentliches Moment für das Überleben im Lager war die Durchsetzung der Anwendung der Genfer Konvention zur Behandlung der Häftlinge durch juristisch versierte Gefangene gegenüber der Lagerleitung. Deshalb wurden die Kriegsgefangenen entsprechend ihrem Rang behandelt. Sie behielten ihren Offiziersrang, ihre Uniform und mussten vor allem keine Zwangsarbeit leisten, wie etwa die russischen und polnischen Kriegsgefangenen. Hierdurch verbesserten sich ihre Überlebensmöglichkeiten, trotz der mangelhaften Ernährungslage, erheblich.

Unter den Offizieren befanden sich Universitätsprofessoren, ehemalige Minister und Abgeordnete, Richter, Generäle sowie zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller und Avantgarde-Künstler. Sie versuchten ihr Leben in der Gefangenschaft so weit wie möglich selbstbestimmt zu gestalten. Es wurden Vorlesungen in verschiedenen Wissensbereichen und Sprachkurse organisiert, wissenschaftliche und berufliche Arbeitsgruppen gegründet. Dabei entstanden zahlreiche künstlerische Arbeiten, Portraitzeichnungen von den Gefangenen, Theater- und Konzert-Ensemble sowie zahlreiche Sportgruppen, u.a. mehrere Fußballmannschaften.

Sabbath im Lager – eine jüdische Gemeinde in Nazi-Deutschland

Die jüdischen Gefangenen bewahrte die Anerkennung als Kriegsgefangene nach der Genfer Konvention vor der sicheren Deportation und Ermordung in den Vernichtungslagern. Gleichzeitig wurde die Ausübung der Religion ermöglicht. Bereits bei ihrer Ankunft waren die ca. 400 jüdischen Gefangenen separiert worden, sie mussten ein Abzeichen mit der Aufschrift „Jude“ tragen. Die alltägliche Stigmatisierung führte zu Drangsalierungen und antisemitischen Angriffen durch die deutschen Bewacher, wie auch durch Mitgefangene.

Unter den Gefangenen befand sich ein Rabbiner, der die jüdischen Offiziere als Militärgeistlicher betreute, Hermann Helfgott, der sich in Israel später Zvi Asaria nannte. Er hatte bereits im Nürnberger Lager Informationen über die Deportationen der jüdischen Bevölkerung im besetzten Jugoslawien erhalten, wie er sich in seinen Aufzeichnungen erinnert. Im Osnabrücker Kriegsgefangenenlager konnten die jüdischen Gefangenen die religiösen Feiertage begehen und den wöchentlichen Sabbath feiern. Sie bildeten eine zwar kleine, aber aktive jüdische Gemeinde, eine seltene Ausnahme in Nazi-Deutschland.

Straflager und Widerstand

Die Möglichkeit den Kriegsgefangenenstatus für ein minimales jüdisches Leben zu nutzen hing auch mit der deutschen Besatzungspolitik in Jugoslawien und dem dort installierten Marionettenregime der Nedić-Regierung zusammen. Der Reichsbevollmächtigte des Auswärtigen Amtes Felix Benzler mahnte im Juni 1941 „rasche und drakonische Erledigung [der] serbischen Judenfrage“ an, forderte bereits im März 1942, dass die serbisch-jüdischen Gefangenen von den nicht-jüdischen Gefangenen strikt getrennt werden sollten. Die serbischen und jüdischen Antifaschisten wurden jedoch auch von einem Teil ihrer Mitgefangenen als ‚jüdisch-bolschewistische‘ Propagandisten bei der Lagerleitung denunziert. Hierauf wurden die beiden Gefangenengruppen in ein extra umzäuntes Straflager innerhalb des Lagers konzentriert.

Die Abschottung führte jedoch auch zu verstärktem Widerstand. Die Gefangenen in den dortigen Baracken organisierten einen antifaschistischen Rat, der für eine unabhängige Informationsbeschaffung einen Radioempfänger baute, mit dem der Kriegsverlauf verfolgt wurde, und gab eine Lagerzeitung heraus. Waffen wurden im Tausch gegen Lebensmittel von den Wachen beschafft und versteckt, Dokumente zur Flucht gefälscht. Zwischen Kommunisten und Zionisten fanden intensive Diskussionen über die Zukunft nach der Nazi-Herrschaft statt.

Luftkrieg

Am Abend des 6. Dezember 1944 griffen britische Kampfflugzeuge das Lager in der Annahme an, dass es sich um ein Wehrmachtsareal handele. Bisher glaubten die inhaftierten Offiziere, dass das Lager vor den Bombenangriffen der Alliierten sicher sei. Doch nachdem die deutsche Wehrmacht Luftabwehrgeschütze in der unmittelbaren Nähe des Lagers positionierte wurde es zum Ziel alliierter Luftangriffe. Die Gefangenen waren den Bomben schutzlos ausgeliefert, die Schutzräume waren den Wachmannschaften vorbehalten. Zwei Holzbaracken wurden durch ein Feuer zerstört. 116 Gefangene starben sofort, mindestens eben so viele wurden schwer verwundet und starben zum Teil später an ihren Verletzungen.

Befreiung

Gegen Kriegsende wurden die jüdischen und antifaschistischen Gefangenen auf Todesmärschen in andere Lager verlegt. Insgesamt war die Situation der Kriegsgefangenen deprimierend, ihre Versorgungslage war desolat und ihre Lebensbedingungen entsprachen nicht den Minimalstandards der Genfer Konvention. Es starben über 100 Offiziere an Lungenentzündung, Tuberkulose und anderen Krankheiten. Der Kommandeur des Lagers Blümel erließ einen allgemeinen Schießbefehl an die Wachsoldaten, hierdurch wurden Gefangene verletzt und getötet. Wegen der Verstöße gegen die Genfer Konvention wurden Blümel und zwei seiner Offiziere nach der Befreiung in Belgrad vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, weitere Beteiligte zu zwanzig Jahren Haft.

Rund 4000 Gefangene kehrten in die nach der Befreiung von der deutschen Besatzung errichtete Republik Jugoslawien zurück. Ein großer Teil der königstreuen Offiziere blieb als Displaced Persons in West-Deutschland, sie errichteten die serbisch-orthodoxe Kirche an der Wersener Straße im Stadtteil Eversburg.

Verwehrte Erinnerung – Gegen das Vergessen

Mit Beginn der 1950er Jahre nutzte das Barackengelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlager sechzig Jahre lang die britische Armee. Nach ihrem Abzug wurde der Verein Baracke 35 Atter-Osnabrück e.V. von den Nachkommen der ehemaligen Kriegsgefangenen und Osnabrücker*innen gegründet, mit dem Ziel den historischen Ort zu erhalten. Die Stadt Osnabrück zeigte sich nicht kooperativ. Ihr Ziel bestand in der Verwertung der gesamten Bereichs für ein Neubauviertel, das Landwehrviertel. Trotz weiterer Initiativen mussten die Baracken, bis auf zwei Gebäude der großflächigen Bebauung weichen. Die beiden letzten Baracken, eine davon steht mittlerweile unter Denkmalschutz, die andere wird von den Stadtwerken als Baubüro benutzt, sind die letzten Zeichen der NS-Gewaltgeschichte und des Widerstands in Osnabrück-Eversburg.

Die andauernde Verweigerung diesen Ort als ein Mahnmal des Vernichtungskriegs und der Shoah zu erhalten, erinnert an die ebenfalls jahrzehntelange Gleichgültigkeit der Stadtoffiziellen gegenüber dem Terrorort der Gestapo-Behörde im zentralen Schloss, wie auch das im Landkreis gelegene Arbeitserziehungslager Augustaschacht. An beiden Orten wurde erst auf langjährigen Druck der Öffentlichkeit Gedenkstätten eingerichtet.

Die NS-Geschichte des Stadtteils ist jedoch weit umfassender: Über den Bahnhof Eversburg wurden Zwangsarbeiter*innen, unter anderen sowjetische Kriegsgefangene, aus peripheren Straflagern etwa zum Steinbruch am Piesberg transportiert. Und die ‚Papenhütte‘, ein Ort der sozial-rassistischen Bekämpfung und Vernichtung Osnabrücker Sinti, befand sich in direkter Nachbarschaft. Hierauf gehen lokale Veröffentlichungen jedoch nicht ein. Die Baracke 35 könnte langfristig und beispielhaft als ein zentraler Erinnerungsort zur Stadtteil-NS-Geschichte wie auch für die dringend notwendige aktuelle politische Bildung gegen Antisemitismus und Rassismus genutzt werden. Hierfür gilt es vorhandene Initiativen zu unterstützen und zu mobilisieren.

Literatur- und Online-Hinweise

Homepage Antikriegsbaracke 35

Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V., (Hg.) Schicksale und Geschichte(n): Das Wunder von Osnabrück. Der europäische Mikrokosmos des Kriegsgefangenenlagers Oflag Vlc: Katalog zur Ausstellung „Offizierslager Vlc – Kriegsgefangene in Osnabrück“: Baracke 35. Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V, o.O., 2021.

Asaria, Zvi. Wir sind Zeugen. (Hrsg.) Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung und Institut für Sozialgeschichte BraunschweigBonn, Hannover, 1975.

Junk, Peter; Martina Sellmeyer. Stationen auf dem Weg nach Auschwitz: Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Osnabrück 1900–1945. Ein Gedenkbuch. 3. Aufl, Bramsche: Rasch, 2000, S. 212–216.

Musch, Sebastian, u.a. „Hermann HelfgottZvi Asaria (1913-2002). Biografie, Gewaltmigration und jüdische Geschichte zwischen Niedersachsen, Deutschland und Israel“. Osnabrücker Mitteilungen Bd. 124, 2019, S. 261–271.

Sellmeyer, Martina. „Das ehemalige Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C in Eversburg. Ein verkannter Geschichtsort von herausragender Bedeutung und Aktualität“. Osnabrücker Rundschau, 17. April 2025.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang Sonntag 26.10.2025, 15 Uhr, Stadtbibliothek Osnabrück

In Osnabrück gibt es keinen umfassenden Erinnerungsort zur Nazi-Geschichte. Im Gegenteil: Viele historische Stätten werden von der aktuellen Nutzung bestimmt, verbergen ihre Rolle in der Nazi-Zeit.
Das städtische Marketing konzentriert sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken Hans Calmeyers und die eröffnete Villa_ zeigt.
An historischen Stätten geben wir einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täter*innen und weisen auf die Kontinuitäten hin.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang, Freitag 25.10.2024, 16 Uhr

Im Rahmen der kritischen Erstiwochen der Kleinen Strolche geht es los am Freitag, 25.10.2024, 16 Uhr Café Mano Negra, Alte Münze 12, Osnabrück, Dauer ca. 2 Stunden.

Ausgehend vom Osnabrücker Schloss, einem zentralen Gebäude der Uni, stellen wir wesentliche Orte der NS-Stadtgeschichte in einem Rundgang vor. In Osnabrück gibt es keinen umfassenden Erinnerungsort zur NS-Geschichte. Im Gegenteil:
Viele historische Stätten werden von der aktuellen Nutzung bestimmt, verbergen ihre Rolle in der Nazi-Zeit. Das städtische Marketing konzentriert sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken Hans Calmeyers und die gerade eröffnete Villa_  zeigt.

Wir versuchen, an historischen Stätten einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täterinnen und Täter zu geben sowie auf Kontinuitäten hinzuweisen.

Eine Nachbetrachtung zur Kundgebung „Solidarität mit Israel und Jüdinnen und Juden weltweit“ am 7. Oktober 2024

Aus Anlaß des Jahrestags des islamistischen Terrorangriffs auf Israel versammelten sich ca. 120 Antifaschist*innen, darunter viele Mitglieder jüdischer Gemeinden auf dem Marktplatz in Osnabrück zu einer Kundgebung. Sie stand unter dem Motto „Solidarität mit Israel und Jüdinnen und Juden weltweit“. In dem Aufruf des hierzu gebildeten Bündnisses 7.10. wurden Forderungen aufgestellt, die das Existenzrecht und die Verteidigung des Staates Israel bekräftigten und zur internationalen Bekämpfung des Antisemitismus in all seinen Formen aufriefen.

In mehreren Redebeiträgen wurden verschiedene Aspekte des brutalsten Pogroms seit der Shoah angesprochen. Einleitend wurde der Trauer um die ermordeten Geiseln Ausdruck gegeben und die dringliche Freilassung der verschleppten Geiseln gefordert, die auch auf Plakaten bestärkt wurde. Hieran schloss sich die Kritik der mangelnden Solidarität mit Israel in ihren unterschiedlichen Formen an, darunter die gesellschaftsübergreifende BDS-Kampagne, die „mit Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen versuchen, Israel in vielfältiger Art zu boykottieren, von Investitionen und Handel abzuschneiden, mit Sanktionen zu belegen, kulturell zu isolieren und zu diskreditieren“, wie ein Redebeitrag hervorhob.

Ein weiterer Beitrag kritisierte die vielfältige Entsolidarisierung durch staatliche Organisationen und Teile der deutschen Mehrheitszivilgesellschaft, die hierbei ihre eigene antisemitische und rassistische Orientierung ausdrücke, wie die Verdammung und Bekämpfung Israels durch sich selbst fortschrittlich sehende und linke Aktivist*innen weltweit. Weiterhin stellte er den Gegensatz des oftmals positiv herausgestellten jüdischen Lebens, etwa zuletzt bei den 1700-Jahr-Feiern jüdischen Lebens im Gebiet des heutigen Deutschlands, und die aktuell immer wieder bemühten doppelten menschenrechtlichen Standards gegenüber Israel auf der einen und in den palästinensischen Gebieten andererseits hervor.

Ein etwas ausführlicher Redebeitrag befasste sich mit den lokalen Formen von Antisemitismus und Anti-Israelismus. Hierbei wurde nicht nur auf die vermeintlich pro-palästinensischen Kundgebungen und Demonstrationen verwiesen, die Israel dämonisieren und dessen Zerstörung fordern, sondern ebenfalls auf die mangelnden Reaktionen der Politik und Universität im Zusammenhang mit dem Terrorangriff hingewiesen. Gleichfalls wurden die islamistischen und antisemitischen Aktivitäten der Grauen Wölfe und von Palästina Spricht angesprochen. Schließlich auf Personen hingewiesen, die im Institut für Islamische Theologie der Universität oder dem Islam-Kolleg, dort ist die Erdogan-Abhängige DITIB und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland ein Bündnispartner, nach ihrer Ausbildung durch islamistische und faschistische Aktivitäten aufgefallen sind. Hieraus wurde die Forderung aufgestellt, sich vermehrt mit diesen Strukturen und Organisationen kritisch zu beschäftigen.

Neben einem spontanen Beitrag von Reinhart Richter ging die Geschichtswerkstatt regionale Täterforschung kurz auf die erinnerungshistorische Bedeutung des Versammlungsorts ein. Zum Ausklang wurde die israelische Nationalhymne gespielt.

Leider erhielt die Kundgebung eine geringe mediale Aufmerksamkeit. Während die Hasepost auf die Kundgebungsbeiträge nicht einging, versuchte die Osnabrücker Rundschau in ihrer Ankündigung, die Kundgebung zu vereinnahmen. Die NOZ berichtete nicht, sondern druckte im Vorfeld ein längeres Interview, das anscheinend den Eindruck erwecken sollte, dass jüdisches Leben in der Friedensstadt Osnabrück nicht gefährdet sei, der dann noch eine palästinensische Stimme gegenübergestellt wurde. Diese Argumentation, die den objektiven Bedingungen jüdischen Lebens und seinem Alltag Hohn spricht, was nicht nur die erforderliche Bewachung der Synagoge immer wieder vor Augen führt.

Osnabrück ist kein Friedens-Eiland in der antisemitischen Normalität, die durch ihr Verschweigen leider nicht in ihrer Gefährlichkeit entschärft wird. Wir wünschen uns weitere praktische Initiativen, die sich gegen diesen Irrglauben stellen und die wir gerne antifaschistisch unterstützen.

Geschichtswerkstatt trifft „Den Rechten die Räume nehmen“ zum kritischen antifaschistischen Rundgang in Osnabrück

Die Geschichtswerkstatt trifft am Sonntag 8. Septmber 2024 die antifaschistische Mitmachkampagne Den Rechten die Räume nehmen. Los geht es um 16 Uhr von der Stadtbibliothek durch die Osnabrücker Innenstadt. Wir werden historische Orte der Nazi-Geschichte besuchen, wie auch ihre aktuelle Erinnerungsgeschichte aufzeigen.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang Freitag 3. 11. 2023, 16 Uhr

Im Rahmen der kritischen Erstsemester-Wochen  treffen wir uns um 16 Uhr im Café Mano Negra, Alte Münze 12 (Durchgang AStA-Gebäude)

Ausgehend vom Osnabrücker Schloss, einem zentralen Gebäude der Uni, stellen wir wesentliche Orte der NS-Stadtgeschichte in einem Rundgang vor. Die Untersuchungen zur Zeit des Nationalsozialismus und seinen Folgen in Osnabrück stecken in den Anfängen oder konzentrieren sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken des vielbeschworenen ‚Retters‘ Hans Calmeyer gezeigt hat.

 

Nazi-Kundgebung Osnabrück Ledenhof

Nazi-Kundgebung Osnabrück Ledenhof

Wir versuchen, an historischen Stätten einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täterinnen und Täter zu geben sowie auf Kontinuitäten hinzuweisen.

Erklärung der Geschichtswerkstatt regionale Täterforschung Osnabrück zur Vertreibung des Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ) aus der Gedenkstätte Esterwegen vom 19. Juni 2023

Gegen die Kündigung – für den Erhalt des DIZ Emslandlager

Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass dem DIZ durch die politischen Instanzen des Landkreises Emsland in Person des Landrats und Vorsitzenden der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen Marc-André Burgdorf (CDU) das Büro in der Gedenkstätte kurzfristig gekündigt worden ist.

Dieses Vorgehen sehen wir besonders irritiert an, nachdem wir erst vor kurzem bei einem Besuch der Gedenkstätte Esterwegen direkt die Arbeit des DIZ kennen und schätzen gelernt haben. Wir wurden bei unserer Tagesexkursion von dem Guide Frau Mithöfer, die langjährig im Verein des Aktionskomitees für ein DIZ Emslandlager e. V. aktiv ist, empfangen. Es schloss sich ein ausführlicher und engagierter Vortrag über das System der Emslandlager und die Präsentation Auf den Spuren der Moorsoldaten an. Detailliert wurden die im Emsland verteilten Strafgefangenen- und Kriegsgefangenenlager, ihre geplante Einrichtung und Verwaltung, die wechselvolle Belegungsgeschichte, Biografien, Lageralltag und Formen der Selbstbehauptung, die zeitgenössischen Reaktionen aus der Bevölkerung und des Auslandes wie auch die wirtschaftliche Bedeutung der Zwangsarbeit vorgestellt. Weiterhin wurden die Nachkriegsgeschichte, die Umwidmung mit verschiedenen Funktionen des ehemaligen Lagers und das ‚Verschwinden‘ der Lagerfriedhöfe thematisiert.
Es schloss sich eine rege Diskussion mit Nachfragen auch über die Entstehung und Arbeit der Initiative des DIZ, die Möglichkeiten der Archivarbeit vor Ort und ein Erfahrungsaustausch an. Nach einer kurzen Pause wurden wir bei einem Rundgang über das Außengelände geführt. Hier standen die Architektur und Details des Lageraufbaus im Fokus. Abschließend konnten wir die verschiedenen Abteilungen der Dauerausstellung der Gedenkstätte und den Büchertisch erkunden.

Der Besuch hat uns eindringlich die Dimension des regionalen Terrors vor der Haustür unter örtlicher Osnabrücker Beteiligung von Behörden und NS-Tätern vor Augen geführt. Zu Bemängeln ist ausdrücklich die schlechte Anbindung der Gedenkstätte an den öffentlichen Nahverkehr. Hierdurch ist die Erreichbarkeit wesentlich eingeschränkt und mit hohen Kosten verbunden, was für einen Besuch abschreckend wirkt.
Aus unseren Erfahrungen in der Gedenkstätte bleibt es mehr als unverständlich, dass nun diese wertvolle Bildungs- und Vermittlungsarbeit durch die Entziehung ihrer Arbeitsmittel behindert wird. Die Arbeit des DIZ dient dem Begreifen der frühen Konzentrationslager als eines der zentralen Terrorinstrumente des Nazi-Systems, ihrer Rolle als eliminatorische Kriegsgefangenenlager und innerhalb der NS-Kriegswirtschaft.
Besonders die nun erschwerte Nutzung des umfangreichen Archivs, in dem sich zahlreiche Zeugnisse der Häftlinge und eine umfangreiche Bibliothek befinden, die durch die reiche Erfahrung und Arbeit der DIZ-Mitarbeiter:innen nutzbar gemacht wurde, beschädigt ein mehr als 40jähriges demokratisch-antifaschistisches Engagement. Es führt zurück in die Anfänge des DIZ, das sich seit seinem Entstehen und seiner Gründung 1985 zuerst mit dem anti-kommunistischen Ressentiment, der konservativ politisch-bürokratischen wie auch der wissenschaftlichen Ignoranz und schließlich der offensiven staatlich-institutionellen Gedenkvereinnahmung durch eine gelenkte Musealisierung erwehren musste und wieder muss. Dies ist umso desaströser, da Rassismus und Antisemitismus von Parteien verbreitet und von der Bevölkerung begierig aufgegriffen werden, um sich auch gewalttätig zu äußern. In dieser Konstellation scheinen der Landkreis Emsland und seine Entscheidungsträger:innen ihre Chance zu sehen, sich die Früchte einer Arbeit einzuverleiben, deren Produzent:innen sie nun los werden wollen.

Wir fordern die Bereitstellung aller notwendigen Mittel für die Förderung und Unabhängigkeit der Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit des DIZ.
Besucht die Gedenkstätte Esterwegen! Unterstützt das DIZ! Teilt seinen Unterstützungsaufruf!

90. Jahrestag der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933

Zum 90. Jahrestag der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 haben wir damit begonnen eine temporäre und mobile Wandzeitung zusammenzustellen. Die Beiträge sind im Durchgang an der Alten Münze 12 an der Außenfassade des Café Mano Negra, geöffnet Freitags ab 15 Uhr, gegenüber des AStA-Eingangs plakatiert.

Anhand von Texten, Dokumenten und Bildern werden die Etappen der Verfolgung von jüdischen, kommunistischen und sozialistischen, pazifistischen und liberalen Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie auch Künstlerinnen und Künstlern vorgestellt. Sie begann nicht erst mit der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933 und fand ihre weitere Verschärfung, etwa die Organisierung der Bücherverbrennungen, die die Deutsche Studierendenschaft am 10. Mai 1933 durchführte. Vorausgegangen waren aber auch die Reichstagsbrandstiftung am 28. Februar1933, ein Fanal des Terrors gegen Antifaschistinnen und Antifaschisten, der Boykott gegen die jüdische Bevölkerung am 1. April 1933, ein Auftakt für die folgenden Pogrome und die Auflösung und Ausraubung der Gewerkschaften.

Der erste Teil der Wandzeitung beleuchtet Planung und Ablauf der „Aktion wider den undeutschen Geist “, wie die Deutsche Studentenschaft ihre Massenaktion nannte. Versammelt werden Stimmen von antifaschistischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die etwa in Berlin die Propagandaaktion beobachteten. Es schließt sich die Verschärfung des Nazi-Terrors an deutschen Hochschulen und die damit verbundene antisemitische und rassistisch-völkische Kontinuität wie auch die Kriegsmobilisierung an deutschen Universitäten an. Bereits in der Weimarer Republik fanden immer wieder Angriffe gegen Intellektuelle statt, etwa den Statistik-Professor Emil J. Gumbel oder den Hannoveraner Philosophen Theodor Lessing, der im Exil von Nazis ermordet wurde.

Weitere Stationen der Wandzeitung sind die NS-Schrifttumspolitik mit der Kontrolle und Lenkung des NS-Buchmarkte s und seiner Institutionen, Gegenaktivitäten wie etwa die Geschichte der Büchergilde Gutenberg sowie aktuelle internationale Beispiele von Bücherzensur und -verbot. Die Frage der aktuellen Erinnerung an das „Todesurteil“ gegen die deutsche Literatur und ihre Produzent:innen, wie es der exilierte Schriftsteller Alfred Kantorowicz kurz nach der Befreiung in der frühen Dokumentation verboten und verbannt 1947 nannte, schließt sich an.

Wir verstehen die Wandzeitung als einen Beitrag zu einer Aktualisierung der Nazi-Geschichte mit ihren vielfältigen konservativ-nationalistischen Vorläufen und bis in die Gegenwart reichenden Kontinuitäten.

Das Vergessen der Austreibung und Ermordung von verfolgten Schriftstellerinnen und Schriftstellern zeigt sich auch am lokalen Beispiel. Die Stadt Osnabrück bezeichnet auf der Homepage die NS-Zeit der Stadtbücherei pauschal als „kulturelle[n] Kahlschlag“ und verweist sodann auf „die nahezu totale Zerstörung“ der Bücherei. Hiermit sind wohl die alliierten Luftangriffe gemeint, die eine der militärischen Voraussetzungen waren, Nazi-Deutschland besiegen zu können. Besonders die öffentlichen Büchereien beteiligten sich aktiv an den Bereinigungen und Aussonderungen des Buchbestands. Aber auch das Verhalten und die Reaktionen der Büchereileitungen und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleibt für die späten Nachfahren und Besucher*innen im Dunkeln.

Die folgenden Teile der Wandzeitung beschäftigen sich mit den inhaftierten und teilweise später exilierten Schriftstellern in den emsländischen Konzentrationslagern, den mit

Osnabrück und seinem Umland verbundenen geflüchteten Autor:innen und stellen schließlich Querköpfe des vielstimmigen Exilkosmos vor.

Kritik wie auch weitere Beitragsvorschläge, Ergänzungen und Kommentare bitte per Mail an: geschichtswerkstattos@riseup.net