Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang, Freitag, 04.11.2022, 16:00 Uhr

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang

Ausgehend vom Osnabrücker Schloß – einem zentralen Gebäude der Uni – stellen wir wesentliche Orte der NS-Stadtgeschichte in einem Rundgang vor. Bisher stecken die Untersuchungen zur Zeit des Nationalsozialismus und seinen Folgen in Osnabrück in den Anfängen oder sie konzentrieren sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken von Hans Calmeyer gezeigt hat.

Nazi-Kundgebung aus dem Ledenhof, Osnabrück

Wir versuchen dagegen an historischen Stätten einen kritischen Überblick über die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und Arisierung, Vertreibung und Vernichtung, wie auch auf die Täter*innen zu geben und auf die vielfältigen Kontinuitäten hinzuweisen.

Der Rundgang findet am Fr. 04.11.2022 zwischen 16:00 bis ca.18:00 Uhr statt.
Treffpunkt: Café Mano Negra, Alte Münze 12, gegenüber dem AStA

Organisiert vom Café Mano Negra & der Geschichtswerkstatt regionale Täterforschung Osnabrück im Rahmen der Kritischen Erstiwochen 2022 der Linken Hochschulgruppe die Kleinen Strolche

Heinrich Bogula (1903–1976) – Antifaschist und Spanienkämpfer

Emil Heinrich Bogula wird am 23. August 1903 in Osnabrück als Sohn des Stuckateurs Heinrich Bogula geboren. Bei seiner Geburt wohnen die Eltern in der Osningstraße 3, 1905 ziehen sie in die Jahnstraße 13 um.

KPD und Ruhrgebiet

Weitere Spuren der Familie Bogula in Osnabrück konnten bisher nicht recherchiert werden. Heinrich Bogula verschlägt es in den 1920er Jahren in die Ruhrgebietsmetropole und Arbeiter*innenhochburg Dortmund. Er arbeitet als Schlosser und ist zu dieser Zeit politisch sehr aktiv: Gleichzeitig Mitglied der KPD, des Roten Frontkämpferbund (RFB), einer Schutz- und Verteidigungsorganisation der KPD in der Weimarer Republik, sowie der Roten Hilfe. Gewerkschaftlich ist er in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) organisiert, die ein Gegengewicht zu den Freien Gewerkschaften bildet.

Faschismus und Haft

Sein Engagement und seine Parteizugehörigkeit bringen ihn nach der Machtübergabe an den deutschen Faschismus in die Fänge des politischen Gegners. Zwischen April 1933 und November 1934 wird er im Polizeigefängnis Dortmund, der sogenannten Steinwache, inhaftiert, die auch als „Hölle Westdeutschlands“ bekannt wird. Sie gehört zu den berüchtigten frühen Nazi-Folterstätten.

Flucht aus Nazi-Deutschland

Nach seiner zwischenzeitlichen Entlassung flieht Bogula in das Saargebiet, das seit dem Ende des Ersten Weltkrieges unter dem Mandat des Völkerbundes und unter französischer Verwaltung steht. Im Januar 1935 votiert die Bevölkerungsmehrheit in einer Abstimmung für den Anschluß an Nazi-Deutschland. Nun muß Bogula wie viele andere Verfolgte erneut fliehen. Er geht nach Frankreich und wird dort mehrmals inhaftiert, vermutlich weil er illegal ohne Papiere unterwegs ist und als unerwünschter Ausländer gilt.

Spanien – Revolution und Krieg

Von Paris aus scheint Bogula seine Fahrt nach Spanien angetreten zu haben, zunächst mit dem Ziel, an der Arbeiter*innenolympiade in Barcelona teilzunehmen, die für Mitte Juli 1936 als Protest- und Gegenveranstaltung zu den Olympischen Spielen in Nazi-Deutschland geplant ist. Sie wird jedoch kurz nach ihrem Beginn durch den Putsch der Militärs und ihrer Unterstützer*innen am 18. Juli 1936 abgebrochen. Die überwiegend in der Arbeiter*innenbewegung organisierten Teilnehmer*innen schließen sich aus Solidarität der katalanischen Bevölkerung an, die den Putschist*innen bewaffnet entgegen tritt. Die von den putschenden Militärs besetzten Kasernen werden gestürmt, Barrikaden zur Sicherung errichtet. Der Putsch kann dort und in weiteren Regionen nach heftigen Kämpfen zurückgeschlagen werden.

Der Sieg der Republik stellt die seit Längerem ungelöste soziale Frage in Spanien wieder auf die Tagesordnung. Die mehrheitlich in der anarchistisch-syndikalistischen CNT (Confederación Nacional del Trabajo) organisierten Landarbeiter*innen und Proletarier*innen bemächtigen sich der Betriebe und der staatlichen Institutionen. Gleichzeitig behaupten sich die Putschisten in einzelnen Regionen. Sie bedrohen, durch Nazi-Deutschland und das faschistische Italien politisch unterstützt, überdies mit Kriegsmaterial und Truppen verstärkt, die republikanischen Zentren des Landes. Hiergegen bilden die Arbeiter*innenorganisationen antifaschistische Milizen, um den Aufstand zu niederzuschlagen.

Milizen: Kolonne Durruti

Heinrich Bogula schließt sich, trotz seiner kommunistischen Zugehörigkeit, der anarchistischen Kolonne Durruti an, die nach dem Metallarbeiter und Anarchisten Buenaventura Durruti (1896–1936) benannt ist. Sie zieht am 23. Juli 1936 zu der am Ebro gelegenen aragonesischen Stadt Zaragoza, die sich in der Hand der Militärputschisten befindet. Die Kolonne Durruti, der auch eine internationale Gruppe mit deutscher Beteiligung beitritt, kann jedoch trotz verlustreicher Belagerung die strategisch wichtige Stadt nicht einnehmen. Bogula gehört somit zwischenzeitlich zu den rund 250 deutschen Freiwilligen, die auf Seiten der CNT und FAI (Federación Anarquista Ibérica) kämpfen.

Internationale Brigaden

Das von den Gewerkschaften und Parteien im Sommer 1936 aufgebaute Milizsystem wird bald wieder staatlich zentralisiert. Die ausländischen Freiwilligen werden, sofern sie nicht ausdrücklich in einer spanischen Einheit bleiben wollen, in den im Oktober 1936 aufgestellten Internationalen Brigaden zusammengeführt.

Heinrich Bogula ist nun in der ersten Internationalen Brigade organisiert, der 11. Brigade. Er gehört dem Thälmann-Bataillion an, das nach dem in Nazi-Deutschland inhaftierten Vorsitzenden der KPD Ernst Thälmann (1886–1944) benannt ist.

Bogula ist an den Kämpfen um Madrid (Winter 1936) und bei Teruel (Dezember 1937 bis Ende Februar 1938) beteiligt. Zuletzt soll er im Rang eines Oberleutnants gestanden haben und politischer Kommissar einer Kompanie gewesen sein. Bogula bleibt trotz des durch den Druck der faschistischen Interventionsmächte erzwungenen offiziellen Rückzugs der Internationalen Brigaden im Oktober 1938 in Spanien. Bis Mitte März 1939 ist er an der Verteidigung Kataloniens und den damit verbundenen verlustreichen Rückzugskämpfen am Ebro, dem ‚Zweiten Einsatz‘ der Internationalen Brigaden beteiligt. Mehrfach verwundet, verlässt er Spanien als staatenloser Flüchtling.

Flüchtling und Gefangener in Frankreich

Ähnlich wie mehrere Tausend seiner Genossin*innen ist Bogula der Willkür der französischen Armee und Polizei ausgeliefert, die die Flüchtlinge in Südfrankreich in einer „Zone der Ungewißheit“ auf Ödlandflächen konzentriert und inhaftiert. Dort entstehen Lager, die von den Gefangenen unter widrigen Bedingungen selbst errichtet werden müssen, um ihr Überleben organisieren zu können.

Er ist in mehreren dieser Lager gefangen, zuerst nahe der spanisch-französischen Grenze in dem Internierungslager in Argelès-sur-Mer, darauf in dem Sammellager Gurs, einem camp semi-répressifs für zu überwachende Ausländer*innen in Südwest-Frankreich. Dort sind im Juni 1939 über 15.000 gefangene Spanienflüchtlinge und Kämpfer*innen der Internationalen Brigaden interniert, darunter ca. 1.200 Deutsche und Österreicher*innen. Im Sommer 1940 befindet sich Bogula schließlich in Le Vernet, einem südlich von Toulouse gelegenen ‚camp disciplinaire’ der französischen Polizei für in Frankreich „unerwünschte Ausländer. Unter ihnen befindet sich auch der Spanienreporter und Schriftsteller Arthur Koestler. Von dort wird Bogula in das Geheimgefängnis des Vichy-Regimes mit der Tarnbezeichnung Baraque 21 in Castres bei Toulouse verschleppt. Auch hier befinden sich ebenfalls zahlreiche Spanienkämpfer*innen.

Die Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen am 22. Juni 1940 bedeutet für die inhaftierten deutschen Flüchtlinge, daß sie auf Verlangen der deutschen Reichsregierung nach Nazi-Deutschland ausgeliefert werden können (Artikel 19). Der Norden Frankreichs ist von deutschen Truppen besetzt, während die Südhälfte von dem mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regime verwaltet wird. Die Flüchtlingslager sind oftmals das Ziel von Fahndungen und Durchsuchungen durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei), die politische Flüchtlinge und Gegner*innen aufzuspüren hofft.

Zwischenzeitlich veröffentlicht der Deutsche Reichsanzeiger am 23. August 1940, daß Heinrich Bogula „der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustigt“ erklärt wird. Die Gestapo fahndet, wie in ihrem Verzeichnis der „flüchtigen Kommunisten und Marxisten“ 1937 und 1938 aufgeführt, nach ihm.

Kommunistische Internationale und die Spanienkämpfer*innen

Zwischen 1939 und 1941 werden die Personalakten, die in der Basis der Internationalen Brigaden (IB) in Albacete über die Teilnehmer*innen am Krieg in Spanien angelegt wurden, von der Kaderabteilung der exilierten Spanischen Kommunistischen Partei (PCE) und der Kommunistischen Internationale (Komintern, KI) in Moskau ausgewertet. Der Leiter der Spionageabwehr der IB, der deutsche Kommunist Gustav Szinda (1897–1988), verwendet in seinen Charakteristiken nicht nur biografische Angaben und Einschätzungen, sondern bewertet – überwiegend in denunziatorischer Weise – die Persönlichkeiten der Kämpfer*innen.

In seinem Memorandum vom 2. Februar 1940 über Heinrich Bogula heißt es u. a., er sei nicht Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen, da er im Exil „1934 aus der KPD wegen Unterschlagung ausgeschlossen“ worden sei. Im Juli 1936 sei er nach Spanien gekommen und habe der Kolonne Durruti angehört. Militärisch sei über ihn „nichts bekannt“. Er habe sich „längere Zeit in Barcelona herum[getrieben]“. Während der Kämpfe „des Mai-Putsches der POUMisten“ zwischen den verschiedenen politischen Parteien auf der republikanischen Seite „gehörte [er] den Terroristen und Verbrecherkreis an“, welche einen republikanischen Kommandanten erschossen haben sollen. Bogula sei „ein degeneriertes Element, welches aller verbrecherischen Schandtaten fähig“ sei. Bei ihm sei „auch weiterhin äusserste Vorsicht am Platze“.

Auslieferung – Odyssee im Universum der Konzentrationslager

1942 wird Heinrich Bogula vom Vichy-Regime an die Gestapo ausgeliefert und in Paris inhaftiert. Im August 1943 wird er in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Er erreicht am 27. August 1943 als „Schutzhäftling“ Nr. 50546 das Lager. Anfang September wird er in das in den Vogesen gelegene Konzentrationslager Natzweiler/Struthof transportiert. Dort werden die Häftlinge sowohl in den nahe gelegen Steinbrüchen zur Zwangsarbeit eingesetzt, sie werden aber auch in über fünfzig Außenlagern in Südwest-Deutschland von der SS an ‚kriegswichtige‘ Unternehmen ausgeliehen. Im November 1944 wird das Konzentrationslager Natzweiler/Struthof wegen der Erfolge der militärischen Offensive der Alliierten aufgelöst.

Ein Teil der Gefangenen wird auf Todesmärschen erneut in das Konzentrationslager Dachau gezwungen, das Bogula im September 1944 erreicht. Ab Mitte Januar 1945 wird er der XIII. SS. Bau-Brigade zugewiesen, die in einem „KZ auf Schienen“ in bewachten Eisenbahnwaggons am Bahnhof Limburg an der Lahn inhaftiert waren. Sie müssen unter Lebensgefahr während der alliierten Luftangriffe zerstörte Gleisanlagen reparieren. Ende Januar befindet er sich erneut auf einem Transport in den Süden Deutschlands, wiederum in das Konzentrationslager Dachau und seiner zahlreichen Nebenlager.

Befreiung und Leben in der DDR

Ende April 1945 wird Heinrich Bogula von heranrückenden Einheiten der US-Armee befreit. Im Mai 1946 zieht er aus der amerikanischen Besatzungszone in Bayern in die am nördlichen Rand des Erzgebirges gelegene sächsische Bergbaustadt Freiberg, die zu dieser Zeit unter sowjetischer Verwaltung steht. Bogula ist wegen seiner Verwundungen aus dem Krieg in Spanien, der Zeit in den französischen Internierungslagern, in den deutschen Konzentrationslagern und der dort abzuleistenden Zwangsarbeit in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Er wird zwar zum stellvertretenden Leiter der Kreispolizei in Freiberg ernannt, befindet sich jedoch im Gesundheitsurlaub. Zwischenzeitlich arbeitet er auch als Organisationsleiter der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) in Weimar. Er ist in der VVN organisiert und Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die aus dem Zusammenschluss von SPD und KPD im sowjetischen Besatzungsgebiet hervorgeht. Von Januar bis Juli 1947 befindet sich Bogula in Wismar.

1950 stellt er an den Osnabrücker Hilfsausschuß für politische Gefangene und deren Angehörige einen Antrag auf Unterstützung. Der Kreissonderhilfsausschuß Osnabrück-Stadt, der auch für die Anerkennung von Haftentschädigungen zuständig ist, kommt in seiner Sitzung vom 21. Dezember 1950 zu dem Ergebnis, daß Heinrich Bogula keinen Anspruch auf Hilfszahlungen habe, da er nicht mehr in Osnabrück gemeldet sei.

Ab Mai 1951 ist Bogula beim Thüringschen Landesvorstand der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beschäftigt, erkrankt aber erneut. Zwischenzeitlich wird ihm der Status als Opfer des Faschismus aberkannt, 1958 wird er „wegen unmoralischen Verhaltens“ aus der SED ausgeschlossen.

Das weitere Leben von Heinrich Bogula ist – soweit bekannt – von erneuten häufigen Ortswechseln gekennzeichnet, die ihn von Weimar (1951) nach Karl-Marx-Stadt (1956) und schließlich nach Pasenow im Kreis Strasburg (1966 bis 1970) führen.

Heinrich Bogula stirbt am 9. Juli 1976 im Alter von 73 Jahren in Mildenitz im Kreis Strasburg in der Uckermark.

Quellen und Literatur:

Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (SAPMO)

Niedersächsisches Landesarchiv – Standort Osnabrück

Deutscher Reichsanzeiger, Nr. 197, 23.08.1940

Werner Abel, Enrico Hilbert: „Sie werden nicht durchkommen“. Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution. Bd. 1. Lich: Edition Av, 2015, S. 75.

Michael Uhl: Die internationalen Brigaden im Spiegel neuer Dokumente. In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz (IWK) 1999, Nr. 4, S. 486-518.

 

Die  Biografie von Heinrich Bogula wurde zuerst im Rahmen der Ausstellung UPTHEREPUBLIC. Literatur und Medien im Spanischen Krieg (1936–1939) vorgestellt, die vom 23. November 2006 bis zum 31. Januar 2007 in der Universitätsbibliothek der Universität Osnabrück statt fand. Sie wurde jedoch nicht in den die Ausstellung begleitenden Katalog aufgenommen. Der obige Text ist eine überarbeitete Fassung.

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