Filmabend: Revolution und Krieg in Spanien 1936 – 1939

In Zusammenarbeit mit der antifaschistischen videofilmreihe zeigen wir am kommenden Freitag den 24. Juli 2026 im Café Mano Negra, Alte Münze 12, Osnabrück ab 17 Uhr zwei Filme zur Revolution und zum Krieg in Spanien (1936-1939).

Ein Volk in Waffen – Un pueblo en armas Dokumentarfilm. Spanien. Sindicato de la industria del espectáculo, 1937; Bearbeitung: Medienwerkstatt Nürnberg, 1986. 47 Min., s/w.

Land and Freedom Spielfilm. England / Deutschland / Italien / Spanien 1995, 109 Min. Regie: Ken Loach.

Im Februar 1936 erreicht El Frente Popular, ein von den anarchistischen Gewerkschaften und Organisatio­nen toleriertes Bündnis aus linken und bürgerlich-demokratischen Kräften, bei den Wahlen in der seit 1931 bestehenden spanischen Republik die Mehrheit. Die Republik hat Reformen ermöglicht, jedoch keine andere Gesellschaftsform. Und auch die Konservati­ven, die Kirche, Royalisten und die faschistischen Organisationen mobilisieren gegen die Reformen der Republik, die ihnen zu weit gehen. Am 17. Juli 1936 putschen Teile des spanischen Militärs zunächst in der nordafrikanischen Kolonie Marokko, in der Folge auf dem spanischen Festland. Der Umsturz wird von monarchistischen Vereinigungen und faschistischen Parteien unterstützt. Er scheitert jedoch in vielen Orten und Provinzen am Widerstand von Anarchist*innen, Sozialist*innen, anderen Linken und Republikaner*­innen. Die Bevölkerung, die nicht bereit ist, die bis dahin erkämpften sozialen Reformen
widerstandslos aufzugeben, geht auf die Straße, baut Barrikaden und stürmt die Kasernen, um die Republik zu verteidigen und ihre Vorstellungen einer herrschaftsfreien Gesell­schaft in die Praxis umzusetzen. In den Bürgerkrieg mischen sich weitere Interventen ein, darunter Nazi-Deutschland und das faschistische Italien wie auch die portugiesische Salazar-Diktatur und internationalisieren den Bürgerkrieg. Der Kampf gegen den Putsch wird mit Kollektivierungen für die soziale Revolution verknüpft. Im April 1939 endet der Bürgerkrieg mit dem Sieg der Putschisten, es folgt eine bis 1975 andauernde Diktatur in Spanien. Bis heute werden die republikanischen Opfer des Bürgerkriegs und der folgenden Terrorherrschaft von konservativen und faschistischen Parteien verschwiegen und verleumdet. Die Erinnerung an die damaligen Ereignisse gilt einerseits dem antifaschistischen Widerstand gegen die rechten Putschisten. Sie bezieht sich auf die soziale Revolution, die sich zwar oft aus der Abwehr des Putsches entwickelte, aber auch gegen Kapital, Großgrundbesitz und Kirche wandte. Sie umfasste städtisch-industrielle Bereiche, den Dienstleistungssektor, die kulturelle Produktion und die Landwirtschaft. Getragen wurde sie von Anarchist*innen, Sozialist*innen und Gewerkschafter*innen sowie revolutionären Marxist*innen.

Häufig wird sie als „die letzte Revolution in Europa“ betrachtet. Gemeint sein könnte auch „die bislang letzte“. Die soziale Revolution in Spanien war eine weitreichende Manifestation anarchistischer Vorstellungen. Beide, Antifaschist*innen und Sozialrevolutionär*innen, haben für die Freiheit gekämpft, aber nicht dasselbe darunter verstanden. Dies führte zu zahlreichen Kämpfen innerhalb des Bündnisses, das auch deshalb zerbrach. An Spanien erinnern heißt also auch, an Fehler zu erinnern, an die Notwendigkeit von Dissens, der riskant werden kann, wie auch an uneingelöste Versprechen, an weiterhin offene Fragen und gegenwärtige menschenfeindliche Zustände.

Zu den Filmen

Ein Volk in Waffen – Un pueblo en armas

Die soziale Revolution im spanischen Bürgerkrieg steht meist im Schatten des Kampfes gegen den inter­nationalen Faschismus. Weniger bekannt ist ihre Pro­duktivität. Nachdem die vorwiegend in der anarchis­tisch­en Gewerkschaft CNT-FAI organisierten Arbeiter*­in­nen das Privateigentum an den Produktionsmitteln abschafften, wurden allein in Madrid und Barcelona zwischen Juli 1936 und Mai 1937 über 80 vorwiegend dokumentarische Filme hergestellt. Der blutige Mai 1937 beendete diese Phase, als die stalinistische Repression in den Straßen tobte und – neben vielen anderen Errungenschaften der sozialen Revolution – auch die Selbstverwaltung der Betriebe durch die Arbeiter*nnen wieder zurückgenommen wurde.

Die CNT setzte die Filmproduktion zwar bis zum Sieg der Franco-Diktatur im April 1939 fort, konnte diesen medialen Aufbruch jedoch nicht fortführen. Die bis dahin entstandenen Filmaufnahmen, die hier kompiliert sind, sind auch in vielen anderen Filmdokumentationen verwendet worden. Un pueblo en armas erschien zuerst 1937 in den USA unter dem Titel Fury over Spain. Kopien la­ger­ten über 30 Jahre in Paris und wurden 1971, als sich das Ende der Franco-Diktatur ab­zeichnete, in Italien im 16mm-Format kopiert.

Un pueblo en armas unterscheidet sich von vielen Filmproduktionen, wie etwa The Will of a People (USA 1939), indem hier weniger die Details des Krieges als die soziale Revolution im Vordergrund steht. Er ist damit auch eine dokumentarische Ergänzung zu Ken Loachs Spielfilm Land and Freedom.


Land and Freedom

Rückblickend wird die Geschichte des jungen englischen Kommunisten David erzählt, der sich 1936 dazu entschließt, nach Spanien zu reisen, um dort gegen die Faschisten zu kämpfen. Er lässt alles hinter sich und macht sich auf in den spanischen Bürgerkrieg. In Katalonien trifft er auf die marxistische Arbeiterpartei POUM. Indessen kommt es unter den linken Organisationen immer wieder zu Positions­kämpfen und Rivalitäten. Um seinen Idealismus wiederzufinden, kehrt David der Partei den Rücken zu und schließt sich der Internationalen Brigade an.

„Sogar die Spanier haben bis heute verdrängt, dass es diese letztlich gescheiterten Versuche der Kollektivierung gegeben hat. Deshalb ist es mir sehr wichtig, an die historischen Fakten zu erinnern.“ Ken Loach zu seinem Film Land and Freedom.

„Es gab Offiziere und Unteroffiziere, aber keine militärischen Ränge im normalen Sinn, keine Titel, keine Dienstabzeichen, kein Hacken zusammen­schlagen und Grüßen. Sie hatten versucht, in den Milizen eine Art einstweiliges Arbeitsmodell einer klassenlosen Gesellschaft zu schaffen. Natürlich gab es dort keine vollständige Gleichheit, aber es war die größte Annäherung daran, die ich je gesehen oder in Kriegszeiten für möglich gehalten hatte.“ George Orwell in seinem zeitgenössischen Bericht Mein Katalonien

Vor 90 Jahren – 19. Juli 1936: Osnabrück, der Bürgerkrieg und die Soziale Revolution in Spanien – Ein Rückblick

Der Widerstand gegen den deutschen Faschismus von Osnabrücker*innen in der Emigration ist bisher nur gering beachtet worden. Dies zeigt sich besonders an einzelnen Abschnitten dieses Kampfes. So spielt der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) und die untrennbar mit ihm verbundene Soziale Revolution dabei keine Rolle. Dagegen haben wir die Biografie des in Osnabrück geborenen kommunistischen Antifaschisten Heinrich Bogula (1903–1976), der unter anderem in den Internationalen Brigaden kämpfte, in ersten groben Zügen nachgezeichnet. Bei unseren Nachforschungen sind wir auf weitere Antifaschistinnen und Antifaschisten aufmerksam geworden, die sowohl außerhalb wie auch in Osnabrück widerständig aktiv und am Spanienkrieg beteiligt waren. Ihre bisher verstreuten Spuren stellen wir in Porträts vor, weitere lokale wie regionale Bezüge werden wir rekonstruieren.

Georg Schwegmann (1912– ?)

Ebenfalls im Spanienkrieg engagiert war Georg Schwegmann, der im nördlichen Osnabrücker Land bei Venne/Vorwalde geboren wird, wie verschiedene Dokumente belegen. Vor der Machtübergabe an die Nazis ist er in der Freie Arbeiter-Union-Deutschland, Anarcho-Syndikalisten (FAUD) in Aachen organisiert. Die FAUD ist ein gewerkschaftlicher Zusammenschluss, auf freiheitlich-sozialistischer Grundlage, der sich auch als sozio-kulturelle Bewegung versteht. Nach ihrem Selbstverständnis lehnt sie hierarchisch organisierte Parteien ab, sie zieht statt einer avantgardistischen Partei eine Vertretung durch gewählte Delegierte vor. Ihre Kampfmittel sind bevorzugt die ‚direkte Aktion‘, der Massenstreik und der politische Generalstreik, durch den sie die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen wie auch den Militarismus abschaffen wollen.

Schwegmann wird 1935 wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ von der Gestapo inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus der Haft lernt er an einer Handelsschule Kastilianisch, die spanische Sprache. Anfang 1937 flüchtet der 25jährige über Paris und Perpignan nach Barcelona. Dort findet er Kontakt zur mit über einer Million Mitgliedern größten spanischen Gewerkschaft, der anarchosyndikalistischen Confederación Nacional del Trabajo (CNT) und arbeitet in einer, nach der Zurückschlagung des Putsches, kollektivierten Lederfabrik. Als anarchistischer Antimilitarist lehnt er eine Beteiligung an den Militäroperationen gegen den franquistischen Militärputsch und den Eintritt in die Milizen ab. Politisch organisiert ist er in der Gruppe der Deutschen Anarchosyndikalisten im Ausland (DAS).

Stichwort: Deutsche Anarchosyndikalisten im Ausland (DAS)

Die DAS wurde bereits 1934 in Amsterdam als anarchistische Exilorganisation gegründet, aber erst im Bürgerkrieg in Spanien erlangte sie politisch Einfluss. Nach den bewaffneten Kämpfen zwischen stalinistischen Kommunisten gegen Linkskommunisten und Anarchosyndikalisten – den sogenannten Maitagen 1937 in Barcelona und Katalonien – fanden ihre Aktivitäten einen Monat später ein jähes Ende.

DAS-Mitglieder beteiligten sich direkt mit dem Beginn der Kämpfe gegen die Putschisten seit Mitte Juli 1936 am bewaffneten Aufstand gegen das Militär und seine klerikal-faschistischen Unterstützer*innen. Der Deutsche Club in der katalanischen Hauptstadt, der sich in der Calle Caspe-Lauria befand und unter Nazi-Kontrolle stand, wurde, wie die Militärkasernen, gestürmt und diente der DAS als Quartier und Versammlungsort. Dort konnten auch die Mitgliederkartei und zahlreiche Dokumente der NSDAP-Auslandsorganisation (NSDAP-AO), eine weltweit agierende Parteiorganisation der Nazi-Einflussnahme und Spionage, beschlagnahmt werden.

Kurze Zeit später wurde dem DAS vom Zentralkomitee der Antifaschistischen Milizen, dessen politische Entscheidungsgremien von der CNT-FAI besetzt waren, die Kontrolle über alle deutschsprachigen Ausländer*innen übertragen. Sie umfasste die Grenz-, Post-, Hafen- und Eisenbahnkontrolle zur Identifizierung von deutschen Nazi-Unterstützer*innen. Maßgeblich beteiligt war die DAS an dem partei- und organisationsübergreifenden Internationalen Komitee der antifaschistischen Emigranten (CIDEA), das Produktionskollektive, die auch Ausrüstungen der Milizen herstellte, ein Kollektiv-Restaurant und -Buchhandlung aufbaute, Kultur- und Filmvorführungen organisierte.

Gleichzeitig betreute die DAS die ca. 200 deutschsprachigen Freiwilligen in der internationalen Miliz der Columna Durruti und gab deren Informationsdienst, die Zeitschrift Die Soziale Revolution, heraus. Sie war für den wöchentlich erscheinenden deutschsprachigen Informationsdienst der CNT/FAI und für deutschsprachige Beiträge in einem Kurzwellensender verantwortlich, der europaweit empfangen werde konnte.

Im wiedereröffneten Asy-Verlag, der bis 1933 von der FAUD in Berlin betrieben worden war, wurden Broschüren und im Juni 1937 von einem DAS-Kollektiv in deutscher und spanischer Sprache das Schwarz-Rot-Buch. Dokumente über den Hitlerfaschismus publiziert, in dem die Einflussnahme der Nationalsozialisten in Barcelona rekonstruiert und erbeutete Dokumente dokumentiert wurden.

In dem Buch wurde eine Bild-Montage abgedruckt, die auch als Poster plakatiert wurde.

„Symbolisch wollten wir die faschistische Gefahr durch ein Bild verdeutlichen, welches wir in das Buch einarbeiteten. Vor uns lagen neueste Bilder von ermordeten Madrider Kindern, die durch deutsche Bombenflugzeuge viehisch umgebracht worden waren. Ich fand ein Bild mit einem lachenden und strahlenden Mädchen aus der Nestle-Schokoladen-Reklame. Diese beiden Bilder stellten wir auf einer französisch-spanischen Landkarte gegenüber. Dazwischen montierten wir Hitler mit befehlender Geste, der eine Staffel Bombenflugzeuge von Spanien nach Frankreich dirigiert. Über das Ganze schrieben wir: ‚Heute Spanien – morgen die ganze Welt!‘“

Paul Helberg (1905–1989), in der DAS organisiert, in einem Rückblick.


Der in Barcelona politisch einflussreichen DAS gehörten ca. 45 Mitglieder und weitere Unterstützer*innen an. Ihre Resonanz über die katalanische Hauptstadt hinaus blieb jedoch wegen zu geringer Beteiligung und eingeschränkter finanzieller Mittel, wie auch ihrem geringfügigen Einfluss auf politische Entscheidungen der CNT-FAI und interner Differenzen über die Strategie und die Zielsetzungen der Revolution, begrenzt. Zudem befand sie sich zunehmend im Visier der kommunistischen Repression, die sich nach den direkten Kämpfen im Mai 1937 zu spitzte. Fast alle DAS-Mitglieder werden in staatlichen wie auch kommunistischen Parteigefängnissen inhaftiert, einige bleiben bis Ende 1938 in Haft. Bereits zuvor stand die DAS in politischer Konkurrenz zur KPD wie auch zu spanischen kommunistischen Parteien, die eingeschränkt und unter Aufgabe ihrer Eigenständigkeit von der Sowjetunion unterstützt und von deren Geheimdiensten überwacht und bekämpft wurden.

„Was in Spanien an sozialen Neuerungen geschaffen wurde, kam von unten, wird von den wirtschaftlichen Organisationen der Arbeiter getragen und geleitet. Dem Staat blieb nichts anderes übrig, als die geschaffenen Tatsachen zu sanktionieren.“

Die Gruppe DAS in ihrer Veröffentlichung Revolution und Gegenrevolution. Die Ereignisse des Mai 1937 in Katalonien, erschienen im Asy-Verlag, Barcelona Juni 1937.


Im Juni 1937 wird Schwegmann vom republikanischen Geheimdienst, nach den inner-republikanischen Kämpfen zwischen stalinistischen Kommunist*innen, die den Einfluss der anarchistischen und links-kommunistischen Organisationen bekämpften, festgenommen, wie eine Häftlingsliste des katalanischen Zivilgouverneurs vermerkt. Im August wird er nach Frankreich abgeschoben, später lebt er im Exil in Amsterdam. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Niederlande verhaften die Okkupanten ihn im Oktober 1940 in Amsterdam. Es folgt seine Deportation in ein Konzentrationslager. Durch die Intervention seines Bruders, einem Offizier in der deutschen Wehrmacht, kann er jedoch seine Entlassung erreichen. Im August 1941 wird er als Funker in eine Luftnachrichten-Einheit zum Kriegsdienst eingezogen. Er gerät in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er Anfang September 1945 entlassen wird.


Nach der Befreiung lebt er in Osnabrück, er tritt in die SPD ein und ist bis zu seiner Abwahl 1950 Geschäftsführer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Zudem gehört er dem Kreissonderhilfsausschuss Osnabrück-Stadt an, der über Hilfsanträge von politischen Gefangenen der Nazi-Herrschaft und deren Angehörige entscheidet. Dort begegnen sich Heinrich Bogula und Schwegmann, wie einem Ablehnungsbescheid des Ausschusses zu entnehmen ist, in dem Bogula die beantragte Zuweisung einer Wohnung und weitere Wiedergutmachungen versagt werden.

Quellen und Literatur

Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Oldenburg

Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Osnabrück

Abel, Werner, u.a.: „Sie werden nicht durchkommen“ Bilder & Materialien. Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution. 2. Bde. Lich: Edition AV, 2016.

Nelles, Dieter: „Deutsche AnarchosyndikalistInnen im Spanischen Bürgerkrieg“. In: Graswurzelrevolution, Nr. 510, Sommer 2026, S. 12–13.

Nelles, Dieter: „‚Die Fremdenlegion der Revolution‘ – Deutsche AnarchosyndikalistInnen und Freiwillige in anarchistischen Milizen im spanischen Bürgerkrieg“. In: Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona (1933-1939). Die Gruppe „Deutsche Anarchosyndikalisten“ (DAS), Dieter Nelles u. a. (Hg.). Heidelberg: Graswurzelrevolution, 2013, S. 79–182. Ursprünglich erschienen bei Editorial Sintra, Barcelona 2010.

Widerstand und jüdisches Leben (1940–1945) in Osnabrück-Eversburg – eine verwehrte Erinnerung

Ein Besuch in der Baracke 35 des Offizierslagers OFLAG VI-C

Am Tag des offenen Denkmals zog es uns ins Landwehrviertel. Wir besuchten den Verein für den Erhalt der Baracke 35, die sich am Rande des Neubau-Areals an der Landwehrstraße befindet. Dort steht die letzte erhaltene Baracke des OFLAG VI-C. Über seine Geschichte informieren eine umfangreiche Ausstellung und einzelne Dokumente. Zwei Vertreterinnen des Vorstands erklärten uns die Geschichte ihrer Arbeit und Ziele.

Die Flachbaracke war Teil eines kontinuierlich ausgeweiteten Gefangenenareals, das bis zu 60 Baracken umfasste. In dem zentralen Gefangenenlager wurden unterschiedliche Häftlingsgruppen interniert. Dort befanden sich überwiegend Kriegsgefangene, etwa ca. 6.000 Offiziere der jugoslawischen Armee, anfänglich auch ca. 700 französische Kriegsgefangene, später auch Zwangsarbeiter, die Arbeitsorte verlassen hatten und politische Gefangene.

Nach Kriegsende diente das Lager als Sammelunterkunft für Displaced Persons, bevor es ab 1950 bis 2008 von der Britischen Armee genutzt wurde. Mittlerweile wird das Areal als Landwehr-Neubauviertel von verschiedenen Immoblienfirmen unter Beteiligung der Stadtwerke Osnabrück vermarktet.

Krieg gegen Jugoslawien

Das Königreich Jugoslawien zog Ende März 1941 seinen Beitritt zum Dreimächtepakt mit den faschistischen Bündnisstaaten Deutschland, Italien und Japan zurück. Die deutsche Wehrmacht griff daraufhin Anfang April 1941 Jugoslawien ohne Kriegserklärung an. Zur Brechung des Widerstands flog die deutsche Luftwaffe verheerende Luftangriffe auf zahlreiche jugoslawische Städte, darunter die Hauptstadt Belgrad, die zwischen dem 6. und 7. April 1941 systematisch zerstört wurde. Nach der Kapitulation Mitte April 1941 wurde das Land von der deutschen Wehrmacht besetzt und nach ethnischer Zugehörigkeit in einzelne kollaborierende Volksteile aufgeteilt. Nazi-Deutschland erkannte den neuen unabhängigen Staat Kroatien, der mit dem Deutschen Reich kollaborierte, diplomatisch an. Die meisten slowenischen, bosniakischen, kroatischen, ungarischen, deutschen (donauschwäbischen) und mazedonischen Soldaten, etwa die Hälfte der jugoslawischen Armee, wurde freigelassen.

Nach Osnabrück

Über 6.000 serbische und montenegrinische Offiziere und ca. 330.000 Unteroffiziere und Mannschaften wurden nach Nazi-Deutschland verschleppt. 10.000 von ihnen wurden in dem Offiziersgefangenenlager XIII B in Nürnberg-Langwasser konzentriert. Nachdem dieses Lager überfüllt war und die antifaschistischen Gefangenen sich weigerten eine Loyalitätserklärung zu unterzeichnen, werden sie separiert und in den ehemaligen Kasernenbaracken in Osnabrück inhaftiert. Das Lager wird beständig erweitert bis 1943 entsteht dort das zweitgrößte Offizierslager innerhalb Nazi-Deutschlands.

Das Kriegsgefangenenlager war nach außen durch Stacheldraht und Wachtürme streng abgeschirmt. Die Gefangenen dürften nicht arbeiten, jeglicher Kontakt zur Außenwelt wird durch die Wachmannschaften mit Waffengewalt unterbunden. Die Lebensverhältnisse waren primitiv und die Verpflegung auf ein Minimum beschränkt.

Der Lagerkosmos

Nicht nur die nationale Zusammensetzung des Lagers war sehr heterogen. Auf engstem Raum lebten Gefangene aus unterschiedlichen Regionen, mit unterschiedlichen politischen und religiösen Orientierungen, die sich teilweise feindlich gegenüber standen.

  • Die Anhänger der königlichen jugoslawischen Exilregierung in London
  • Unterstützer der jugoslawischen Kollaborationsregierung Nedić, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unterstützten. Sie hofften auf vorzeitige Entlassung und wurden von der deutschen Lagerleitung bevorzugt
  • antifaschistische und kommunistische Gefangene, die den jugoslawischen Partisan*innenkampf befürworteten und unterstützen, ihr Einfluss in der Lagergesellschaft nahm mit Kriegsverlauf zu
  • sowie die jüdischen Gefangenen, die von einer Entlassung ausgenommen waren und gemeinsam mit den kommunistischen Offizieren in einem gesonderten Barackenbereich innerhalb des Lagers isoliert wurden. Sie waren antisemitischen Angriffen sowohl von den Bewachern wie auch von Mitgefangenen ausgesetzt.

Selbstorganisation und Selbstbehauptung

Ein wesentliches Moment für das Überleben im Lager war die Durchsetzung der Anwendung der Genfer Konvention zur Behandlung der Häftlinge durch juristisch versierte Gefangene gegenüber der Lagerleitung. Deshalb wurden die Kriegsgefangenen entsprechend ihrem Rang behandelt. Sie behielten ihren Offiziersrang, ihre Uniform und mussten vor allem keine Zwangsarbeit leisten, wie etwa die russischen und polnischen Kriegsgefangenen. Hierdurch verbesserten sich ihre Überlebensmöglichkeiten, trotz der mangelhaften Ernährungslage, erheblich.

Unter den Offizieren befanden sich Universitätsprofessoren, ehemalige Minister und Abgeordnete, Richter, Generäle sowie zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller und Avantgarde-Künstler. Sie versuchten ihr Leben in der Gefangenschaft so weit wie möglich selbstbestimmt zu gestalten. Es wurden Vorlesungen in verschiedenen Wissensbereichen und Sprachkurse organisiert, wissenschaftliche und berufliche Arbeitsgruppen gegründet. Dabei entstanden zahlreiche künstlerische Arbeiten, Portraitzeichnungen von den Gefangenen, Theater- und Konzert-Ensemble sowie zahlreiche Sportgruppen, u.a. mehrere Fußballmannschaften.

Sabbath im Lager – eine jüdische Gemeinde in Nazi-Deutschland

Die jüdischen Gefangenen bewahrte die Anerkennung als Kriegsgefangene nach der Genfer Konvention vor der sicheren Deportation und Ermordung in den Vernichtungslagern. Gleichzeitig wurde die Ausübung der Religion ermöglicht. Bereits bei ihrer Ankunft waren die ca. 400 jüdischen Gefangenen separiert worden, sie mussten ein Abzeichen mit der Aufschrift „Jude“ tragen. Die alltägliche Stigmatisierung führte zu Drangsalierungen und antisemitischen Angriffen durch die deutschen Bewacher, wie auch durch Mitgefangene.

Unter den Gefangenen befand sich ein Rabbiner, der die jüdischen Offiziere als Militärgeistlicher betreute, Hermann Helfgott, der sich in Israel später Zvi Asaria nannte. Er hatte bereits im Nürnberger Lager Informationen über die Deportationen der jüdischen Bevölkerung im besetzten Jugoslawien erhalten, wie er sich in seinen Aufzeichnungen erinnert. Im Osnabrücker Kriegsgefangenenlager konnten die jüdischen Gefangenen die religiösen Feiertage begehen und den wöchentlichen Sabbath feiern. Sie bildeten eine zwar kleine, aber aktive jüdische Gemeinde, eine seltene Ausnahme in Nazi-Deutschland.

Straflager und Widerstand

Die Möglichkeit den Kriegsgefangenenstatus für ein minimales jüdisches Leben zu nutzen hing auch mit der deutschen Besatzungspolitik in Jugoslawien und dem dort installierten Marionettenregime der Nedić-Regierung zusammen. Der Reichsbevollmächtigte des Auswärtigen Amtes Felix Benzler mahnte im Juni 1941 „rasche und drakonische Erledigung [der] serbischen Judenfrage“ an, forderte bereits im März 1942, dass die serbisch-jüdischen Gefangenen von den nicht-jüdischen Gefangenen strikt getrennt werden sollten. Die serbischen und jüdischen Antifaschisten wurden jedoch auch von einem Teil ihrer Mitgefangenen als ‚jüdisch-bolschewistische‘ Propagandisten bei der Lagerleitung denunziert. Hierauf wurden die beiden Gefangenengruppen in ein extra umzäuntes Straflager innerhalb des Lagers konzentriert.

Die Abschottung führte jedoch auch zu verstärktem Widerstand. Die Gefangenen in den dortigen Baracken organisierten einen antifaschistischen Rat, der für eine unabhängige Informationsbeschaffung einen Radioempfänger baute, mit dem der Kriegsverlauf verfolgt wurde, und gab eine Lagerzeitung heraus. Waffen wurden im Tausch gegen Lebensmittel von den Wachen beschafft und versteckt, Dokumente zur Flucht gefälscht. Zwischen Kommunisten und Zionisten fanden intensive Diskussionen über die Zukunft nach der Nazi-Herrschaft statt.

Luftkrieg

Am Abend des 6. Dezember 1944 griffen britische Kampfflugzeuge das Lager in der Annahme an, dass es sich um ein Wehrmachtsareal handele. Bisher glaubten die inhaftierten Offiziere, dass das Lager vor den Bombenangriffen der Alliierten sicher sei. Doch nachdem die deutsche Wehrmacht Luftabwehrgeschütze in der unmittelbaren Nähe des Lagers positionierte wurde es zum Ziel alliierter Luftangriffe. Die Gefangenen waren den Bomben schutzlos ausgeliefert, die Schutzräume waren den Wachmannschaften vorbehalten. Zwei Holzbaracken wurden durch ein Feuer zerstört. 116 Gefangene starben sofort, mindestens eben so viele wurden schwer verwundet und starben zum Teil später an ihren Verletzungen.

Befreiung

Gegen Kriegsende wurden die jüdischen und antifaschistischen Gefangenen auf Todesmärschen in andere Lager verlegt. Insgesamt war die Situation der Kriegsgefangenen deprimierend, ihre Versorgungslage war desolat und ihre Lebensbedingungen entsprachen nicht den Minimalstandards der Genfer Konvention. Es starben über 100 Offiziere an Lungenentzündung, Tuberkulose und anderen Krankheiten. Der Kommandeur des Lagers Blümel erließ einen allgemeinen Schießbefehl an die Wachsoldaten, hierdurch wurden Gefangene verletzt und getötet. Wegen der Verstöße gegen die Genfer Konvention wurden Blümel und zwei seiner Offiziere nach der Befreiung in Belgrad vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt, weitere Beteiligte zu zwanzig Jahren Haft.

Rund 4000 Gefangene kehrten in die nach der Befreiung von der deutschen Besatzung errichtete Republik Jugoslawien zurück. Ein großer Teil der königstreuen Offiziere blieb als Displaced Persons in West-Deutschland, sie errichteten die serbisch-orthodoxe Kirche an der Wersener Straße im Stadtteil Eversburg.

Verwehrte Erinnerung – Gegen das Vergessen

Mit Beginn der 1950er Jahre nutzte das Barackengelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlager sechzig Jahre lang die britische Armee. Nach ihrem Abzug wurde der Verein Baracke 35 Atter-Osnabrück e.V. von den Nachkommen der ehemaligen Kriegsgefangenen und Osnabrücker*innen gegründet, mit dem Ziel den historischen Ort zu erhalten. Die Stadt Osnabrück zeigte sich nicht kooperativ. Ihr Ziel bestand in der Verwertung der gesamten Bereichs für ein Neubauviertel, das Landwehrviertel. Trotz weiterer Initiativen mussten die Baracken, bis auf zwei Gebäude der großflächigen Bebauung weichen. Die beiden letzten Baracken, eine davon steht mittlerweile unter Denkmalschutz, die andere wird von den Stadtwerken als Baubüro benutzt, sind die letzten Zeichen der NS-Gewaltgeschichte und des Widerstands in Osnabrück-Eversburg.

Die andauernde Verweigerung diesen Ort als ein Mahnmal des Vernichtungskriegs und der Shoah zu erhalten, erinnert an die ebenfalls jahrzehntelange Gleichgültigkeit der Stadtoffiziellen gegenüber dem Terrorort der Gestapo-Behörde im zentralen Schloss, wie auch das im Landkreis gelegene Arbeitserziehungslager Augustaschacht. An beiden Orten wurde erst auf langjährigen Druck der Öffentlichkeit Gedenkstätten eingerichtet.

Die NS-Geschichte des Stadtteils ist jedoch weit umfassender: Über den Bahnhof Eversburg wurden Zwangsarbeiter*innen, unter anderen sowjetische Kriegsgefangene, aus peripheren Straflagern etwa zum Steinbruch am Piesberg transportiert. Und die ‚Papenhütte‘, ein Ort der sozial-rassistischen Bekämpfung und Vernichtung Osnabrücker Sinti, befand sich in direkter Nachbarschaft. Hierauf gehen lokale Veröffentlichungen jedoch nicht ein. Die Baracke 35 könnte langfristig und beispielhaft als ein zentraler Erinnerungsort zur Stadtteil-NS-Geschichte wie auch für die dringend notwendige aktuelle politische Bildung gegen Antisemitismus und Rassismus genutzt werden. Hierfür gilt es vorhandene Initiativen zu unterstützen und zu mobilisieren.

Literatur- und Online-Hinweise

Homepage Antikriegsbaracke 35

Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V., (Hg.) Schicksale und Geschichte(n): Das Wunder von Osnabrück. Der europäische Mikrokosmos des Kriegsgefangenenlagers Oflag Vlc: Katalog zur Ausstellung „Offizierslager Vlc – Kriegsgefangene in Osnabrück“: Baracke 35. Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V, o.O., 2021.

Asaria, Zvi. Wir sind Zeugen. (Hrsg.) Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung und Institut für Sozialgeschichte BraunschweigBonn, Hannover, 1975.

Junk, Peter; Martina Sellmeyer. Stationen auf dem Weg nach Auschwitz: Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Osnabrück 1900–1945. Ein Gedenkbuch. 3. Aufl, Bramsche: Rasch, 2000, S. 212–216.

Musch, Sebastian, u.a. „Hermann HelfgottZvi Asaria (1913-2002). Biografie, Gewaltmigration und jüdische Geschichte zwischen Niedersachsen, Deutschland und Israel“. Osnabrücker Mitteilungen Bd. 124, 2019, S. 261–271.

Sellmeyer, Martina. „Das ehemalige Kriegsgefangenenlager OFLAG VI C in Eversburg. Ein verkannter Geschichtsort von herausragender Bedeutung und Aktualität“. Osnabrücker Rundschau, 17. April 2025.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang Sonntag 26.10.2025, 15 Uhr, Stadtbibliothek Osnabrück

In Osnabrück gibt es keinen umfassenden Erinnerungsort zur Nazi-Geschichte. Im Gegenteil: Viele historische Stätten werden von der aktuellen Nutzung bestimmt, verbergen ihre Rolle in der Nazi-Zeit.
Das städtische Marketing konzentriert sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken Hans Calmeyers und die eröffnete Villa_ zeigt.
An historischen Stätten geben wir einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täter*innen und weisen auf die Kontinuitäten hin.

Die Nazi-Zeit in Osnabrück und die Erinnerung

Die Osnabrücker Politik des Erinnerns an den deutschen Faschismus ist von zahlreichen Besonderheiten gekennzeichnet. Gleichzeitig fügt sie sich umstandslos in das nationale Projekt der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ (Eike Geisel) ein. Ihnen soll aus Anlass des 80. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus nachgegangen werden.

Gedenken

Das betriebsam gedenkende Deutschland widmete sich mit Verve den ermordeten Juden. Später folgten zögernd sukzessive weitere verfolgte, bis in die Gegenwart von der Mehrheitsgesellschaft geächtete und diskriminierte Opfergruppen: Sinti und Roma, Homosexuelle und queere Menschen, die Ernsten Bibelforscher, die sich auch Zeugen Jehovas nannten, sogenannte ‚Asoziale‘, Bettler*innen, Arbeitsverweigerer*innen, Alkoholiker*innen und ‚befristete Vorbeugungshäftlinge‘, die als ‚Berufsverbrecher‘ kategorisiert wurden oder wegen ihres „unmoralischen“ und „asozialen“ Lebenswandels der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ den Behörden ausgeliefert waren. Körperlich und geistig Behinderte wurden sterilisiert oder ermordet. Die Überlebenden saßen in Entschädigungsverfahren ihren Nazi-Ärzt*innen, Richtern und Peinigern erneut gegenüber.

Widerstand

Erst vor kurzem wurden Wehrmachts-Deserteure als Verfolgte anerkannt, während sich die Wehrmachtsoffiziere, die den Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944 unternahmen, in die antikommunistische Formierung und militaristische Aufrüstung des Nachkriegs-Westdeutschlands nahtlos einfügten und als vermeintliche Vorbilder für Widerstand und Demokratie herausgestellt wurden. Ebenfalls um Anerkennung zu kämpfen hatten ehemalige politische Gefangene, Gewerkschafter*innen, Sozialdemokrat*innen und bürgerliche Widerständler*innen, aber besonders Kommunist*innen. Sie saßen nach dem KPD-Verbot Mitte der 1950er Jahren erneut in Haft. Ende der 1960er Jahren wurden sie Dank des von der SPD mit initiierten ‚Radikalenerlasses‘ aus dem öffentlichen Dienst verbannt und in den Jahresberichten der Verfassungsschutzbehörden als Staatsfeinde geführt.

Mehrere tausend organisierte Widerstandskämpfer*innen in den Internationalen Brigaden und weitere linkskommunistische und anarchistische Einheiten, die gegen den Spanischen Franquismus und die deutsch-italienische Intervention in Spanien kämpften, wie auch die gegen den deutschen Vernichtungskrieg organisierte europäische Résistance werden bis heute nicht durch den staatlichen ‚Erinnerungsweltmeister‘ gewürdigt, noch wurden sie nach 1945 materiell unterstützt. Hierfür seien die jeweiligen Regierungen in den Ländern, in denen die Widerständler*innen gekämpft hätten, zuständig, verdeutlichte die Bundesregierung ihr Verständnis des antifaschistischen Widerstands. Hier macht die Friedensstadt Osnabrück keine Ausnahme.

Entschädigungsalmosen

Deutsche Konzerne wurden erst in den 1990er Jahren und infolge der Annexion der DDR durch US-amerikanische Initiativen und Klagen gezwungen, minimale Entschädigungen für geleistete Zwangsarbeit zu zahlen. Bis heute ist das Maß alltäglicher Zwangsausbeutung von verschleppten ‚Zivil‘- und Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen in der Nazi-Zeit in allen gesellschaftlichen Bereichen nicht erkannt. Im ländlichen Raum auf jedem Hof und in den Städten in jedem Betrieb zur Arbeit gezwungen, taucht diese in der unmittelbaren Nachbarschaft jede*r Bürger*in stattgefundene faschistische Missachtung der Menschenwürde und menschlichen Lebens in keiner regionalen erinnerungskulturellen Erzählung auf.

Rituale

Gleichzeitig wurde bei allem Gedenken schnell deutlich, dass es vor allem um die eigene deutsche Befindlichkeit und Machtposition geht, um seine europäischen und weltweiten Ambitionen weiter verfolgen zu können. Zu den Ergebnissen dieser immer wieder abgespulten, hochtrabenden Inszenierung gehören die von staatlichen bis zu kommunalen Institutionen ohne jedes historische Verstehen gehaltenen ritualisierten Gedenkreden, garniert mit hoheitlichen Kranzabwürfen an festen Terminen, arrangiert mit betroffenem Minenspiel und beschallt von salbungsvollen Festreden. Im Anschluss an die Betroffenheit wird vielerorts direkt zur Tagespolitik übergegangen, in der die allgemeingültige Menschenwürde parteiübergreifend zunehmend wieder an Nationalität und Ethnie festgemacht wird. Fehlanzeige beim historischen Lernen.

Funktionalisierende Erinnerung

Nicht nur dem Frieden soll die Erinnerung in der selbsternannten und autorisierten Friedensstadt Osnabrück dienen. Sie führe zu Auseinandersetzungen an den ehemaligen Tatorten und habe ein Gedenken und Erinnern ermöglicht, welches mittlerweile alltägliche Praxis sei. Soweit die Wunschvorstellung der parteiübergreifenden Selbstvergewisserung.

Schauen wir etwas genauer hin, was mit dieser Täuschung verdeckt wird.

Abgeschaffter Antifaschismus

Kaum einem Nazi ging es an den Kragen. Die Entnazifizierungs-Ausschüsse kapitulierten rasch gegen die Flut von Täter*innen und Mitläufer*innen, zumal die Westalliierten schnell ihr kurzzeitiges Verfolgungsinteresse gegen das nun wieder aktualisierte antikommunistische Ressentiment tauschten und Nazi-Verbrecher*innen in die Nachkriegsgemeinschaft integrierten. Eine Eingliederungsleistung, die auch in der DDR offensiv verfolgt wurde. Dort wurden die Wehrmachts-Kriegsverbrecher ebenso wie in der BRD für die Nachfolgestreitkräfte dringend benötigt.

In allen gesellschaftlichen Bereichen wurde statt des Bruchs die Kontinuität favorisiert. Minimalstrafen standen Karrieren und wirtschaftlichem Auskommen nicht im Wege. Der Morddienst während des Vernichtungskriegs in der Wehrmacht wurde mit Renten- und Pensionsansprüchen vergütet. Staatliche, kommunale und private Formen der Enteignung und die Arisierung jeglicher Art von Besitz wurden legitimiert. Auch hier mussten Verfolgte und Geflohene den entwürdigenden Weg der Klage und in Konfrontation mit den Verwerter*innen, Nutznießer*innen und Täter*innen antreten. Ein verschwindend geringer Anteil von führenden Täter*innen wurde überhaupt belangt, millionenfaches Morden und Körper verletzen sowie Kompliz*innenschaft bleiben bis heute ungestraft.

Die Emslandlager

Im strukturschwachen Emsland befanden sich, neben dem nahe München gelegenen Konzentrationslager Dachau, die größten frühen Nazi-Konzentrationslager: Neusustrum, Börgermoor und Esterwegen. Dort wurden direkt nach der Machtübergabe an die Nazis besonders politische Gefangene, aber auch zahlreiche weitere verfolgte Gruppen inhaftiert. Der Lagerkomplex wurde bis zur Befreiung kontinuierlich für weitere Gefangenengruppen wie Justiz- und Kriegsgefangene ausgebaut, immer neue Lager geschaffen: am Ende waren es dort ganze 15 Lager. Ein Teil der Gefangenen wurde aus den emsländischen Lagern nach Osnabrück zur Zwangsarbeit auf dem Piesberg, beim Bombenräumen und in der Beseitigung von Trümmern gezwungen.

In den Emslandlagern begannen zahlreiche Nazi-Täterkarrieren und die Ausbildung für das massenhaft benötigte Mordpersonal zur Entwicklung und Perfektion des Universums der Konzentrations- und Vernichtungslager. Initiativ an der Errichtung der frühen Konzentrationslager beteiligt waren der Osnabrücker Regierungsrat und Regierungspräsident Bernhard Eggers, der Osnabrücker Oberbürgermeister Erich Gaertner und sein Stab in der Stadtverwaltung. Die Osnabrücker Schutzpolizei und SS-Mannschaften waren als Wachpersonal vertreten.

Die Erinnerung an die Lager wurde zuerst durch die ehemaligen Häftlinge, etwa das Komitee der Moorsoldaten und ab den 1980er Jahren in Zusammenarbeit mit der Initiative des DIZ (Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager) wach gehalten. Es entstanden ein Archiv mit zahlreichen Erinnerungen und Dokumenten zur Lagergeschichte und die Veröffentlichung grundlegender wissenschaftlicher Schriften in der DIZ-Schriftenreihe. Seit November 2011 ist die Dauerausstellung in der neuen Gedenkstätte Esterwegen zugänglich. Mittlerweile musste das DIZ-Archiv und seine Sammlung aus der Gedenkstätte weichen und in Papenburg eigene Räumlichkeiten beziehen, um seine Arbeit fortsetzen zu können.

Der Kampf und das Engagement der Häftlinge der Emslandlager, einige kamen direkt aus Osnabrück und kehrten nach 1945 auch hierher zurück, spielen in der lokalen Erinnerungskonzeption keine Rolle.

Erinnerungspolitik in Osnabrück

Ein weiterer Schritt, die eigene Beteiligung an der Nazi-Herrschaft zu relativieren, bestand in der Pflege der Halluzination eines Daseins als Opfer. Hierbei stehen die alliierten Luftangriffe, das britische und amerikanische „Vernichtungswerk“ und die Zerstörung der Stadt durch den „alliierten Bombenterror“ im Vordergrund. Eine Formulierung, die bereits die Nazi-Propaganda ausgiebig zur Durchhalteparole wendete und die gerne von der Bevölkerung aufgegriffen wurde. In Osnabrück wird der Ostersonntag des 25. März 1945 ungebrochen als lokal herausragendes Ereignis beschworen.

Das städtisch subventionierte Erich Maria Remarque-Zentrum hat diese Strategie nun unter den Leitmotiven „Schutt“ und „Demokratie“ aktualisiert. In Berlin steht eine ähnliche Ausstellung unter der Losung „Mit Trümmern Träume bauen“.

In der Osnabrücker Ausstellung werden mehrere Gemälde gezeigt, die die Zerstörungen des ‚Bombenterrors‘ zum zentralen Thema haben. Zwar weist eine Tafel mit einer Fotografie auf die Zwangsarbeiter und KZ-Gefangenen hin, die von der Osnabrücker Stadtverwaltung zum Bomben- und Schutträumen verpflichtet wurden, näheres erfahren die Besucher*innen aber nicht.

Quellen wie die Erinnerungen des kommunistischen Widerstandskämpfers Fritz Bringmann (1918–2011), der in mehreren Konzentrationslagern, darunter Sachsenhausen und Neuengamme, inhaftiert war, werden nicht zitiert. Bekannt sind sie uns überhaupt nur durch antifaschistische zivilgesellschaftliche Erinnerungsarbeit. Sie könnten einen Eindruck des Schreckensregime und der Alltäglichkeit des Arbeitseinsatzes vermitteln. Zwischenzeitlich wurde Bringmann in Osnabrück in der 2. SS-Baubrigade zu Bomben- und Schutträumungen herangezogen. Er berichtet als Sanitäter der Brigade von Misshandlungen und Erschießungen durch die Bewacher. Während Bringmann und weitere Familienangehörige in der Geburtsstadt Lübeck wenigstens am Lebensende für ihr antifaschistisches Engagement geehrt wurden, erfuhr er in Osnabrück keine öffentliche Anerkennung.

Die Eindrücke der ‚Osnabrücker Opfer‘ stehen auch in der die Ausstellung begleitenden Broschüre „… Die Geburtsstunde der Demokratie“ prominent im Vordergrund. Hier geht es um die „völlig zerstörte Stadt“, der die „Siegermächte“ die Freiheit aufgenötigt hätten. Die „Widerständler und Demokraten“ dagegen werden als unbedeutend und zu vernachlässigen marginalisiert. Sie seien „längst ermordet“, noch „im KZ gefangen oder ins Ausland geflohen“ und „auf Nimmerwiedersehen verschwunden“, heißt es im Vorwort der Broschüre, die u.a. von dem Leiter des Erich Maria Remarque-Zentrums, verfasst wurde.

Ohne die ehemaligen Nazis sei der Aufbau der Stadt nach dem Krieg in der Verwaltung nicht möglich gewesen, so eine weitere Behauptung. Statt des überzeugten Nazis und ehemaligen Oberbürgermeisters Gaertner, Mitglied in der SA und NSDAP, wird der Jurist und Volkswirt Johannes Petermann hervorgehoben und als geläuterte Identifikationsfigur angeboten. Er wurde erst von den Briten zum Oberbürgermeister, später zum Regierungspräsidenten ernannt. Der ehemalige Zentrumspolitiker war in der Nazizeit zeitweise tatsächlich Vertreter von Gaertner in der Polizeibehörde gewesen. Er sei bei den Nazis als „Verwaltungsfachmann geschätzt“, aber „nicht linientreu genug“ gewesen. Sein Aufgabenbereich sei u.a. gewesen, „Bombenschäden“ zu regulieren und er habe die „Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlager beaufsichtigt“, schreibt der Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums.

Petermann war dann auch für die elenden Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangenen oder die von der Stadt Osnabrück für die Beseitigung der Kriegsschäden verpflichteten Gefangenen aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg mit zuständig. Einer der Vielen im Verwaltungsbetrieb, über die bis heute wenig bekannt ist.

Die Ausblendung der Täter*innen verdeckt zudem die breite Massenbasis der Unterstützer*innen im Nazi-System. Das Ausmaß der Beteiligung und die Einbindung bleibt weitgehend im Dunkeln und wird verdrängt. Das alltägliche Funktionieren und die Förderung des Nazi-Regimes, etwa in Wirtschaft, Vereinen, Verwaltung, bleiben unerkannt.

Auferstehung der Täter als Opfer und ihre „Ambivalenz“

In der Diskussion um das Wirken von Hans Georg Calmeyer wird die Verschränkung von Opfern und Täter*innen weiter getrieben. Ein juristischer Bürokrat wird zum „Judenretter“ stilisiert. Er soll, so die Intention der institutionalisierten örtlichen Erinnerungsvereinigungen, die Zwiespältigkeit und engen Handlungsspielräume in der Nazi-Zeit verdeutlichen.

Seine Doppelrolle als Retter soll seine Vorbildfunktion unterstreichen, während seine Funktion als Mit-Deporteur in die Vernichtungsstätten den Gegensatz zwischen Täter*innen und Opfern weiter nivelliert. Eine Entwicklung, die zuerst in der Nachkriegszeit in völkisch-nationalistischen und revanchistischen Kreisen etabliert, nun in zahlreichen gesellschaftlichen und politischen Bereichen ihre normalisierende Verbreitung erfahren hat. Das Bild und die Erzählung des Deutschen als Opfer, war bereits früh von den Nazi-Propagandist*innen im Gewand der Drohung der „Siegerrache“ geboren worden. Mittlerweile wird das stereotype Sinnbild der „Optionen des Handelns“ bemüht, das behauptet, Handlungsmöglichkeiten seien begrenzt, das Mitmachen und die Unterstützung der Diktatur sei unvermeidlich gewesen – ein Hohn gegenüber den internationalen Widerstandskämpfer*innen und den Befreier*innen. Es werden bewußt indifferente bürgerliche Protagonisten wie der „Oskar Schindler Osnabrücks“ hervorgehoben, während das rare antifaschistische Engagement und Handeln ausgeblendet bleibt, wie die Calmeyer-Rehabilitierung verdeutlicht, der bereits 1989 mit einem nach ihm benannten Platz geehrt wurde.

Mathias Middelberg, einer der Calmeyer-Biographen, gleichzeitig ein konservativer Osnabrücker CDU-Spitzenpolitiker, gefällt sich als geschichtsbewußter Erinnerungsrevisionist, der gleichzeitig das repressive EU-Außengrenzregime lobt und die mörderische Abschottungspolitik voran treibt. Als bürgerlicher Haushaltspolitiker fördert er die neoliberale Umverteilungspolitik zu Lasten der sozialen Sicherungssysteme.

Die Osnabrücker Lokalparteien, von der konservativen CDU über die staatskonforme SPD zu den Grünen, waren sich einig, für den nach Calmeyer benannten Erinnerungsort im ehemaligen NSDAP-Hauptquartier neben dem Felix-Nussbaum-Museum zu trommeln.

Erst konsequente Einsprüche von Historiker*innen, Antifaschist*innen und Überlebendenverbänden aus den Niederlanden konnten die von der Stadt und ihren Amtsträger*innen heftig verteidigte Namensgebung verhindern. In der überregionalen Presse wurde die Inszenierung des Osnabrücker Forums für Erinnerungskultur und die Verwandlung des „NS-Rassereferenten“ zum „Musterdemokraten“ und „Widerständler“ mit Befremden aufgenommen. Übrig bleibt ein „Lernort für Demokratie“ im ehemaligen Osnabrücker Hauptquartier der NSDAP, in dem Nazigegner drangsaliert wurden. Das Gebäude, nun neutralisierend als „Villa_“ benannt, wird seiner Nazi-Geschichte entrückt. Verpasst wurde die Möglichkeit, einen zentralen Dokumentationsort für die Nazi-Geschichte und ihre Folgen in Osnabrück aufzubauen, mittlerweile eine Selbstverständlichkeit in vielen anderen vergleichbaren Städten.

Krieg im Frieden

Erinnert wurde in den 1980er Jahren entgegen dem Widerstand konservativer Kräfte, etwa aus der CDU, an den liberalen Exilschriftsteller Erich Maria Remarque. Er fügt(e) sich mit seinem Antikriegsroman Im Westen nichts Neues fast idealtypisch in das Konzept der Friedensvermarktung der Stadt Osnabrück und seiner Anknüpfung an den Westfälischen Frieden ein.

Osnabrück war seit der Industrialisierung eine Rüstungsstadt. Immer, wenn die zivilen Märkte nicht den gewünschten Mehrwert aus der Arbeit auspressen konnten, wurde für den nationalen Expansionskrieg produziert, spätestens ab den 1930er Jahren in der homogenisierten Volksgemeinschaft. Mit Kriegsbeginn erhielten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter die Produktion aufrecht. Ihre Ausbeutung war mit dem Konzept der „Vernichtung durch Arbeit“ im Universum der Vernichtungs-, Konzentrations- und Arbeitslager verbunden.

1945, in der von Staat und Kapital ausgerufenen ‚Stunde Null‘ schließlich, die von der Bevölkerung gerne aufgegriffen wurde und wird, fertigt ‚Volkswagen‘ statt dem Wehrmacht-Kübelwagen nun, baugleich mit leichten Veränderungen, den ‚zivilen‘ Käfer.

Das Osnabrücker Unternehmen der Familie Karmann stellt gleichfalls von der Produktion von Flugzeugteilen für die deutsche Luftwaffe wieder auf die Autoproduktion um. Sie geht gestärkt aus der beschworenen ‚Kriegskatastrophe‘ hervor. 2025 wird abermalig eine gewinnträchtige Konversion beschworen. Die nicht mehr profitable Autoproduktion soll nun durch diejenigen Waren der Rüstungsschmiede Rheinmetall ersetzt werden, die in der ‚Friedensstadt‘ investieren möchte. Die Arbeiter*innen sollen sich über die Erhaltung der versprochenen Niedriglohnausbeutungsplätze freuen. Kapitalisten und Finanzindustrie jubilieren, die unpolitisch servilen Gewerkschaften fordern allenfalls einen Mindestausbeutungslohn. Im November 2023 verkündete der beliebte SPD-Minister Pistorius, dass Deutschland „kriegstüchtig“ werden müsse. Eine Forderung, um in der nationalstaatlichen Konkurrenz zu bestehen und den imperialen Gegnern im täglichen Handelskrieg entgegen zu treten.

Dagegen ist daran zu erinnern, dass die „sogenannte freie Welt an ihrem eigenen Begriff zu messen“ sei. Sich „kritisch zu ihr zu verhalten und dennoch zu ihren Ideen zu stehen, sie gegen Faschismus Hitlerscher, Stalinscher und anderer Varianz zu verteidigen, ist Recht und Pflicht jedes Denkenden“, wie Max Horkheimer in den 1960er Jahren pointiert formuliert hat.

Gedenken hat nur eine Konsequenz aus dem Leiden der Opfer zu ziehen: Alles dafür zu tun, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.

Befreiung feiern bedeutet, sich organisiert gegen jegliches Schlussstrich-Gerede zu wenden, heißt auch, der zunehmenden Kriminalisierung antifaschistischen Widerstands und allen Formen des Antisemitismus und Rassismus entgegen zu treten.

Wir gedenken der Opfer des NS-Terrors und der Wehrmachtsverbrechen!

Wir erinnern an den Schwur von Buchenwald, in dem es heißt:

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Kritischer Stadtrundgang – 80. Jahrestag der Befreiung?

27. April 2025, Start 16 Uhr Rathaus, ca. 2 Std. Dauer

„…wir haben doch von nichts gewußt!“ hieß es 1945 und in den Folgejahrzehnten. In Diskussionen und Medien wurde und wird die Parole von der „Stunde Null“ verwendet. Bereits im Januar 1945 – noch vor Kriegsende – sprach ein evangelischer Theologe in Basel vom „Nullpunkt“, vor dem die deutsche Bevölkerung stehe. Der Bürgermeister von Bremen forderte im Dezember 1945 gleichfalls einen „völligen Neuanfang“.

Vermischt wurden dabei – nicht durch Zufall – Erfahrungen und Tatsachen mit Legenden zu einem harmonischen Mythos. Auf das Konstrukt vom angeblichen historischen Bruch bei tatsächlicher weitgehender Kontinuität beriefen sich große Teile der Bevölkerung wie auch ganze Berufsgruppen.

Wurde in der DDR der 8. Mai 1945 als »Tag der Befreiung vom Faschismus« gefeiert, wird in der BRD von Kapitulation und Zusammenbruch gesprochen, wie etwa bei der Weizsäcker-Rede zum 8. Mai 1985. Gleichzeitig hat sich mit der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ (Eike Geisel) eine staatlich subventionierte kritiklose Gedenkpolitik etabliert. Die Wähler*innen der neo-faschistischen Parteien und Organisationen bis hin zu konservativen Kräften fordern einen „Schlussstrich“, sprechen vom „Vogelschiss“. Sie relativieren antifaschistisches Gedenken.

Kontinuitäten in Osnabrück

Die Deportationen der jüdischen Bevölkerung, hieß es, hätten ohne Wissen der Bevölkerung, bei „Nacht und Nebel“ stattgefunden. Orte wie die Pottgraben-Schule, ein Deportationsort, der Gestapo-Keller im Schloß, die zerstörte Synagoge befanden sich mitten in der Stadt. Dass Osnabrücker Jüdinnen und Juden von Nachbarn geholfen wurde, dass sie versteckt und vor der Deportation bewahrt wurden, ist nicht bekannt. Keine*r riskierte sein Leben für jüdische Menschen.

Bereits nach der Befreiung Osnabrücks wurden die wenigen jüdischen Überlebenden erneut mit antisemitischen Angriffen konfrontiert, die Scheiben der jüdischen Schule eingeworfen und antisemitische Parolen skandiert.

Das antisemitische Ressentiment ist niemals verschwunden. Es ist heute verbunden mit antizionistischen Angriffen gegen Israel, den einzigen Staat, der jüdisches Leben schützt.

In Osnabrück gibt es keinen umfassenden Erinnerungsort zur Nazi-Geschichte. Im Gegenteil: Viele historische Stätten werden von der aktuellen Nutzung bestimmt, verbergen ihre Rolle in der Nazi-Zeit. Das städtische Marketing konzentriert sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken Hans Calmeyers und die eröffnete Villa_  zeigt.

An historischen Stätten geben wir einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täter*innen und weisen auf die Kontinuitäten hin.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang, Freitag 25.10.2024, 16 Uhr

Im Rahmen der kritischen Erstiwochen der Kleinen Strolche geht es los am Freitag, 25.10.2024, 16 Uhr Café Mano Negra, Alte Münze 12, Osnabrück, Dauer ca. 2 Stunden.

Ausgehend vom Osnabrücker Schloss, einem zentralen Gebäude der Uni, stellen wir wesentliche Orte der NS-Stadtgeschichte in einem Rundgang vor. In Osnabrück gibt es keinen umfassenden Erinnerungsort zur NS-Geschichte. Im Gegenteil:
Viele historische Stätten werden von der aktuellen Nutzung bestimmt, verbergen ihre Rolle in der Nazi-Zeit. Das städtische Marketing konzentriert sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken Hans Calmeyers und die gerade eröffnete Villa_  zeigt.

Wir versuchen, an historischen Stätten einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täterinnen und Täter zu geben sowie auf Kontinuitäten hinzuweisen.

Eine Nachbetrachtung zur Kundgebung „Solidarität mit Israel und Jüdinnen und Juden weltweit“ am 7. Oktober 2024

Aus Anlaß des Jahrestags des islamistischen Terrorangriffs auf Israel versammelten sich ca. 120 Antifaschist*innen, darunter viele Mitglieder jüdischer Gemeinden auf dem Marktplatz in Osnabrück zu einer Kundgebung. Sie stand unter dem Motto „Solidarität mit Israel und Jüdinnen und Juden weltweit“. In dem Aufruf des hierzu gebildeten Bündnisses 7.10. wurden Forderungen aufgestellt, die das Existenzrecht und die Verteidigung des Staates Israel bekräftigten und zur internationalen Bekämpfung des Antisemitismus in all seinen Formen aufriefen.

In mehreren Redebeiträgen wurden verschiedene Aspekte des brutalsten Pogroms seit der Shoah angesprochen. Einleitend wurde der Trauer um die ermordeten Geiseln Ausdruck gegeben und die dringliche Freilassung der verschleppten Geiseln gefordert, die auch auf Plakaten bestärkt wurde. Hieran schloss sich die Kritik der mangelnden Solidarität mit Israel in ihren unterschiedlichen Formen an, darunter die gesellschaftsübergreifende BDS-Kampagne, die „mit Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen versuchen, Israel in vielfältiger Art zu boykottieren, von Investitionen und Handel abzuschneiden, mit Sanktionen zu belegen, kulturell zu isolieren und zu diskreditieren“, wie ein Redebeitrag hervorhob.

Ein weiterer Beitrag kritisierte die vielfältige Entsolidarisierung durch staatliche Organisationen und Teile der deutschen Mehrheitszivilgesellschaft, die hierbei ihre eigene antisemitische und rassistische Orientierung ausdrücke, wie die Verdammung und Bekämpfung Israels durch sich selbst fortschrittlich sehende und linke Aktivist*innen weltweit. Weiterhin stellte er den Gegensatz des oftmals positiv herausgestellten jüdischen Lebens, etwa zuletzt bei den 1700-Jahr-Feiern jüdischen Lebens im Gebiet des heutigen Deutschlands, und die aktuell immer wieder bemühten doppelten menschenrechtlichen Standards gegenüber Israel auf der einen und in den palästinensischen Gebieten andererseits hervor.

Ein etwas ausführlicher Redebeitrag befasste sich mit den lokalen Formen von Antisemitismus und Anti-Israelismus. Hierbei wurde nicht nur auf die vermeintlich pro-palästinensischen Kundgebungen und Demonstrationen verwiesen, die Israel dämonisieren und dessen Zerstörung fordern, sondern ebenfalls auf die mangelnden Reaktionen der Politik und Universität im Zusammenhang mit dem Terrorangriff hingewiesen. Gleichfalls wurden die islamistischen und antisemitischen Aktivitäten der Grauen Wölfe und von Palästina Spricht angesprochen. Schließlich auf Personen hingewiesen, die im Institut für Islamische Theologie der Universität oder dem Islam-Kolleg, dort ist die Erdogan-Abhängige DITIB und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland ein Bündnispartner, nach ihrer Ausbildung durch islamistische und faschistische Aktivitäten aufgefallen sind. Hieraus wurde die Forderung aufgestellt, sich vermehrt mit diesen Strukturen und Organisationen kritisch zu beschäftigen.

Neben einem spontanen Beitrag von Reinhart Richter ging die Geschichtswerkstatt regionale Täterforschung kurz auf die erinnerungshistorische Bedeutung des Versammlungsorts ein. Zum Ausklang wurde die israelische Nationalhymne gespielt.

Leider erhielt die Kundgebung eine geringe mediale Aufmerksamkeit. Während die Hasepost auf die Kundgebungsbeiträge nicht einging, versuchte die Osnabrücker Rundschau in ihrer Ankündigung, die Kundgebung zu vereinnahmen. Die NOZ berichtete nicht, sondern druckte im Vorfeld ein längeres Interview, das anscheinend den Eindruck erwecken sollte, dass jüdisches Leben in der Friedensstadt Osnabrück nicht gefährdet sei, der dann noch eine palästinensische Stimme gegenübergestellt wurde. Diese Argumentation, die den objektiven Bedingungen jüdischen Lebens und seinem Alltag Hohn spricht, was nicht nur die erforderliche Bewachung der Synagoge immer wieder vor Augen führt.

Osnabrück ist kein Friedens-Eiland in der antisemitischen Normalität, die durch ihr Verschweigen leider nicht in ihrer Gefährlichkeit entschärft wird. Wir wünschen uns weitere praktische Initiativen, die sich gegen diesen Irrglauben stellen und die wir gerne antifaschistisch unterstützen.

Geschichtswerkstatt trifft „Den Rechten die Räume nehmen“ zum kritischen antifaschistischen Rundgang in Osnabrück

Die Geschichtswerkstatt trifft am Sonntag 8. Septmber 2024 die antifaschistische Mitmachkampagne Den Rechten die Räume nehmen. Los geht es um 16 Uhr von der Stadtbibliothek durch die Osnabrücker Innenstadt. Wir werden historische Orte der Nazi-Geschichte besuchen, wie auch ihre aktuelle Erinnerungsgeschichte aufzeigen.

Orte nationalsozialistischer Gewalt – Kritischer Stadtrundgang Freitag 3. 11. 2023, 16 Uhr

Im Rahmen der kritischen Erstsemester-Wochen  treffen wir uns um 16 Uhr im Café Mano Negra, Alte Münze 12 (Durchgang AStA-Gebäude)

Ausgehend vom Osnabrücker Schloss, einem zentralen Gebäude der Uni, stellen wir wesentliche Orte der NS-Stadtgeschichte in einem Rundgang vor. Die Untersuchungen zur Zeit des Nationalsozialismus und seinen Folgen in Osnabrück stecken in den Anfängen oder konzentrieren sich auf zweifelhafte Repräsentanten, wie die Diskussion um das Wirken des vielbeschworenen ‚Retters‘ Hans Calmeyer gezeigt hat.

 

Nazi-Kundgebung Osnabrück Ledenhof

Nazi-Kundgebung Osnabrück Ledenhof

Wir versuchen, an historischen Stätten einen kritischen Einblick in die allgegenwärtige Verfolgung, Drangsalierung, Erfassung und „Arisierung“, Vertreibung und Vernichtung wie auch auf die Täterinnen und Täter zu geben sowie auf Kontinuitäten hinzuweisen.